Griechische Gesichter lenken von der europäischen Fratze ab

Userkommentar13. Juli 2015, 13:48
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Die Hetze gegen Griechenland erreicht jeden Tag einen neuen Höhepunkt

Führende Medien bedienen sich der Psychologisierung und Personalisierung der Krise in Griechenland. Die stets wachsende Zahl der griechischen Einzelschicksale, die auf die Bühne der Politikshows gezerrt werden – sei es, um die europäische Politik zu geißeln oder in vielen Fällen auch zu rechtfertigen –, ist bloß ein weiterer Beweis dafür, dass es hier schon lange nicht mehr um Menschen geht. Die griechischen Gesichter lenken von der europäischen Fratze ab.

Ersatz für kritische Analyse

Doch auch viele, die die herrschende Politik der Erpressung Griechenlands ablehnen, lieben die griechischen Gesichter: Schließlich scheinen diese ohne Aufwand eine kritische Analyse zu ersetzen.

Wer schreibt, man möge sich angesichts der allgemeinen negativen Stimmung gegenüber Griechenland doch alle seine netten griechischen FreundInnen in Erinnerung rufen, die doch gar nicht faul seien, argumentiert mithilfe jener Denkschablonen, derer sich auch die herrschende Meinung bedient: die Personalisierung der Krise lenkt vom eigentlichen Elend ab, das ein gesellschaftliches ist und sich nicht auf Einzelschicksale reduzieren lässt.

Zerstörung des Projekts Europa

Die europäische Politik ist im Begriff, ihr Innerstes zu offenbaren: Sie ist im Kern antidemokratisch, gibt sich nicht einmal den Anschein, den Menschen verpflichtet zu sein, und treibt die Zerstörung ihres Projektes Europa voran. Wir, die wir diese Politik ablehnen, werden uns den Vorwurf gefallen lassen müssen, nichts dagegen getan und stattdessen „Die Griechen sind auch Menschen!“ skandiert zu haben.

Alles ist Spektakel: Noch die seriöseste Politiksendung nimmt sich wie eine Nachmittagstalkshow aus. Günther Jauch freut sich am Tag des Referendums eines "historischen Tages für Griechenland" auf eine "extrem spannende Sendung".

Politikspektakel

Je näher das Elend und das Unglück an uns selbst heranrückt, desto mehr wollen wir noch unterhalten werden – wenn es sein muss, auch durch das Elend unserer Nachbarn; die absolute Unfreiheit der anderen füllt in Form von Reportagen, "Diskussionen" und Talkshowrunden zumindest noch unsere karge Freizeit.

Wir wollen die Armut sehen, an die wir nicht glauben können, weil wir andauernd von viel zu hohen Pensionen hören. Die Meinungsmacher tun uns diesen Gefallen und liefern uns die Gesichter zu dieser Armut: es sind sympathische Gesichter mit traurigen, verstörten Mienen.

Noch bevor wir auf den Gedanken kommen könnten, dass diese Mienen den fehlenden Medikamenten, den fehlenden warmen Mahlzeiten oder der Tatsache, dass die Rente des Großvaters nicht für alle arbeitslosen Familienmitglieder reicht, geschuldet sind, liefern uns die Medien auch schon den eigentlichen Grund: Die Menschen sind entsetzt, weil Tsipras und seine Regierung nun auch noch diese zerstörten Existenzen aufs Spiel setzen und sich nicht dem Diktat der Europäischen Union beugen wollen.

Diese Spielchen, die hier mit uns getrieben werden, hindern uns daran zu erkennen, dass sich Europa schon längst selbst aufs Spiel gesetzt hat. (Paul Schuberth, 13.7.2015)

Paul Schuberth (21) lebt als Musiker in Linz.

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  • Die griechischen Gesichter lenken von der europäischen Fratze ab
    foto: reuters, stefanos rapanis

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