Theater im Krastal: Zwei Weltautoren und ihr Kunstgriff

13. Juli 2015, 11:06
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Das Theater im Krastal mit Samuel Beckett und Peter Handke

Klagenfurt – Das letzte Wort hat die Frau. Und Peter Handke war 2007 klug beraten, seine Namenlose im Monolog "Bis dass der Tag euch scheidet" dem alternden Schriftsteller Krapp aus Samuel Becketts "Das letzte Band" zurufen zu lassen: "Mit diesem Echo hast du nicht gerechnet!" Es stimmt einfach. Aber entschuldigend für Beckett und seinen Krapp wäre vielleicht zu sagen, dass sie den Steinbruch Krastal nicht kannten. Diese wildromantische Kulisse nahe bei Treffen am Ossiacher See schreit natürlich nach einem Echo. Und wenn Beckett und sein sarkastisches Alter Ego sie gekannt hätten, hätten sie eher damit gerechnet, dass hier kein Krapp'scher Hall ohne Nachhall bleibt.

Nach fünf erfolgreichen Sommern lädt der Schauspieler Manfred Lukas-Luderer, bühnenbewährt vom Burgtheater bis zum Schauspielhaus Zürich, bis 8. August jeden Donnerstag, Freitag und Samstag heuer letztmals zu einer Produktion in den Steinbruch, den er für das Theater entdeckt hat. Gespielt werden die beiden genannten Monologe, die sich auch als "zeitversetzter Dialog" verstehen lassen, wie Handkes weibliche Monologfigur das Publikum gezielt in die Irre führt.

Denn das Entscheidende an Becketts "Letztem Band" ebenso wie an Handkes "Bis dass der Tag euch scheidet" ist nicht so sehr der Stellungskrieg zwischen einem Mann und einer Frau; es ist vielmehr der Sarkasmus und die fast schon lebensendzeitliche Radikalität, mit der zwei Weltautoren mit zwei verschiedenen Kunstgriffen sich selbst nicht als Schriftsteller, aber als soziale Wesen infrage stellen.

Manfred Lukas-Luderer selbst verkörpert den Krapp, der über Stapeln voll alter Zeitungen an seinem Tonband sitzt, egomanisch seine Erlebnisse archivierend, revidierend und verurteilend – wie sollte er sonst sein Material sichten? Fast masochistisch hat Beckett sein Ebenbild noch zusätzlich denunziert als Kneipenhocker, bananenmampfenden Affen und lallenden Greis. Phänomenal authentisch macht Lukas-Luderer im Steinbruch da schon klar, dass es um das Versagen des Künstlers als Mensch geht.

Das Waisenkind

Aber Isabella Wolf, Lebenspartnerin von Lukas-Luderer, setzt mit dem Handke-Monolog genauso authentisch noch eines drauf: "Du warst nicht Schöpfer genug." Peng! Du hast mit dem Arm wie ein Kind um dich gezeigt, auf nichts. Und die Frau, die du gerettet haben willst, die Frau auf dem Nachen im Schilf, du hast sie sich nicht einmal bewegen lassen, sondern in deine Regale eingeordnet wie einen literarischen Stoff.

Und dann, zwischen Regale gepfercht, nennt Wolf ihren Autor ein Waisenkind – und man erinnert sich, dass es eigentlich Handke war, der vaterlos aufgewachsen ist, und es wird klar, dass an diesem sehr schlichten, aber auch sehr besonderen Abend zwei Literaten, wenn nicht auch noch zwei Theaterkünstler auf beklemmende Art in ihren ureigensten Lebenswunden bohren. (Michael Cerha, 13.7.2015)

Bis 8. 8. Donnerstag, Freitag und Samstag, 20.30

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Theater im Steinbruch Krastal

  • Theaterkunst des Absurden: Manfred Lukas-Luderer.
    foto: theater im krastal / archiv

    Theaterkunst des Absurden: Manfred Lukas-Luderer.

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