"Schutzflehende": Gestrandet auf der Suche nach Freiheit

13. Juli 2015, 08:14
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Zum Abschluss des Welt-Theater-Festivals von Art Carnuntum gastierte das Deutsch-Griechische Theater von Kostas Papakostopoulos mit der Aischylos-Adaption

Petronell-Carnuntum – Idyllisch ist es ja, das Amphitheater vor Petronell-Carnuntum an einem lauen Sommerabend. Besonders wenn die gefürchteten Gelsen den Herrgott einen guten Mann sein lassen und auf das Ausschwärmen verzichten. Doch auch ohne sie wird die antike Arena Schauplatz großer Dramen, findet hier doch mittlerweile das jährliche Welt-Theater-Festival von Art Carnuntum statt. Zum Abschluss des diesjährigen Programms gastierte das Deutsch-Griechische Theater von Kostas Papakostopoulos mit "Schutzflehende", der Adaptierung einer Tragödie von Aischylos.

Der im fünften Jahrhundert vor Christus verfasste Ausgangstext erzählt von der Flucht der 50 Töchter des Danaos aus Ägypten nach Argos in die Heimat ihrer Vorväter, wo sie bei König Pelasgos um Asyl bitten. Am Nil droht ihnen die Verheiratung mit ihren 50 Cousins, in Griechenland erwartet sie ein zögerlicher Herrscher, der der Verwicklung in einen Konflikt lieber aus dem Weg gehen würde.

Elfriede Jelinek ließ den Stoff in ihren Text "Die Schutzbefohlenen" einfließen, um das Flüchtlingsdrama der Votivkirchenbesetzung von 2012/13 zu verarbeiten. Papakostopoulos, der bereits über 25 Jahre Erfahrung mit der Aktualisierung griechischer Erzählstoffe verfügt, verbindet die Vorlage ebenfalls mit den Geschichten heutiger Flüchtlinge. Neben Aischylos dienten ihm hierfür Interviews mit jungen Asylsuchenden als Grundlage des im Vorjahr uraufgeführten Stücks. Die daraus gewonnenen Zitate werden jedoch weniger mit dem Stoff der Heiratsunwilligen verwoben, sondern bilden vielmehr den Anhang einer etwas grobschlächtig zweigeteilten Inszenierung.

"Es ist ja ein Spiel"

Modernisiert kommt freilich auch der Griechenklassiker daher. Wilde Sturmböen spülen drei Danaidenschwestern (Terja Diava, Stephanie Meisenzahl und Elisabeth Pleß) zu dem bereits vorhandenen Treibgut vor den Füßen des Publikums (Ausstattung: Ulrike Mitschke). Bald treffen sie auf den König, der jedoch weniger als Souverän denn vielmehr als Beamter eines Bundes agiert, der sich den freien Personen- und Warenverkehr auf seine Fahne geheftet hat (Stefan Kleinert). Wenn er die Paragrafen seiner Vorschriftenliste nicht mit dem Stift abhakt, macht er dies stimmlich. Einzeln und im Chor fordern die Schutzbedürftigen vehement ihr Recht als Abkömmlinge seines Reichs. Als ihnen schließlich zumindest temporär der Aufenthalt gewährt wird, scheint dies jedoch weniger an ihrem Einsatz oder den Ratschlägen ihres Vaters (Thomas Franke), der Züge eines Schleppers trägt, zu liegen als an der kurzfristig gefassten Meinung der Griechen.

Hier könnte bereits das Happy End stehen, doch nicht bei Papakostopoulos: Ein Video zeigt den Abschluss von Verhandlungen zwischen Argos und Ägypten. Als Resultat werden die Rollen geändert, Franke und Kleinert nehmen sich als Beamte der Ausländerbehörde der flüchtenden Frauen an, die nun aus Mali oder Syrien kommen. Ihr Ziel ist klar: "Es ist ja ein Spiel. Sie kommen rein, versuchen, ihren längeren Aufenthalt zu bekommen; ich versuche, ihren Aufenthalt zu beenden." Das folgende, aus offiziellen Papieren und Interviews kompilierte Verhör führt die Absurdität und Kälte der Bürokratie vor Augen, lässt das persönliche Leid hinter all den Zitatfetzen aber unter den Tisch fallen. Am Ende sind die Schutzsuchenden chancenlos: "Gemäß § 26 Asylverfahrensgesetz werden die Antragstellerinnen als Asylberechtigte nicht anerkannt."

Es bleiben Aufnahmen aus Melilla, wo tausende Flüchtlinge auf ein besseres Leben jenseits des Grenzzauns zwischen Afrika und Europa hoffen. So werden hier, nicht weit vom einstigen Verlauf des Eisernen Vorhangs, in einem weißen Zelt, wie es derzeit als Symbol für die politischen Defizite im Umgang mit Asylsuchenden steht, die wahren Dramen der Gegenwart spürbar. (Dorian Waller, 13.7.2015)

  • Für seine Aischylos- Modernisierung "Schutzflehende" verband Regisseur Kostas Papakostopoulos antiken Dramentext mit O-Tönen junger Asylsuchender.
    foto: dgt / meyer originals

    Für seine Aischylos- Modernisierung "Schutzflehende" verband Regisseur Kostas Papakostopoulos antiken Dramentext mit O-Tönen junger Asylsuchender.

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