Prozess gegen 16-jährigen IS-Heimkehrer eröffnet

13. Juli 2015, 06:58
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Wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung, Ausbildung für terroristische Zwecke und Aufforderung zu terroristischen Straftaten

Wien/Damaskus/Kobane – Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen ist Montagfrüh im Wiener Straflandesgericht der Prozess gegen einen mittlerweile 17-Jährigen eröffnet worden, der in Syrien für die der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gekämpft haben soll. Im März war der nun angeblich geläuterte Islamist nach Österreich zurückgekehrt. Der Bursche bekannte sich vor Richterin Alexandra Skrdla teilweise schuldig.

Die Anklage legt dem Lehrling aus Wien Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung, Ausbildung für terroristische Zwecke und Aufforderung zu terroristischen Straftaten zur Last. Dem Burschen droht eine Strafe von bis zu fünf Jahren Haft. Daneben sind von der Anklage auch Sachbeschädigungen und gefährliche Drohungen umfasst, die mit dem Aufenthalt des Burschen im syrischen Bürgerkriegsgebiet nichts zu tun haben.

"Waffe genommen, weil es cool ist"

Detail- und wortreich hat am Montagvormittag der 17-jährige IS-Heimkehrer im für Zuhörer akustisch problematischen Großen Schwurgerichtssaal über seine Zeit beim IS berichtet. An dem für IS-Einsteiger vorgesehenen mehrmonatigen Islam-Trainingslager und an der Kampfausbildung will er nicht teilgenommen haben. Auch eine Waffe habe er nie getragen.

Nachdem ihm Richterin Alexandra Skrdla zahlreiche Fotos gezeigt hat, die Ermittler auf seinem Handy gefunden haben und die den Burschen teilweise im Tarnanzug und mit Waffe posierend zeigen, meinte der 17-Jährige: "Ich habe die Waffe genommen, weil es cool ist." Auf einem Bild ist Oliver N. auch mit einer schussfesten Weste zu sehen.

Ein weiteres Foto zeigt ihn inmitten von zehn IS-Kämpfern, alle mit schwarzem IS-Kampfanzug gekleidet und mit Maschinenpistolen in der Hand. "Ich habe mich hingestellt, aber nichts gemacht", erklärte der Beschuldigte. Auf einer Voice-Nachricht an einen Freund ist zu hören, er soll nicht traurig sein, dass er sich gerade nicht meldet, aber "er (Oliver N., Anm.) kämpft gerade", ist zu hören. "Ich bleibe dabei, ich habe nicht gekämpft."

"Ich hatte keine Vorstellung"

Nachdem der Lehrling im vergangenen Jahr zum Islam konvertiert war und gehört hatte, dass Muslime in Syrien gefoltert werden, beschloss er im August nach Syrien zu reisen, "um die Geschwister zu beschützen". "Mir wurde eingeredet, als Moslem sei das Geringste, was man tun kann, dorthin zu ziehen", meinte Oliver N. "In ein Kriegsgebiet? Und das wollten Sie?", fragte die Richterin. "Ich hatte keine Vorstellung", meinte der 17-Jährige. "Es war wie eine Gehirnwäsche."

Nachdem mehrere Versuche, nach Syrien zu gelangen, scheiterten, flog er am 24. August 2014 gemeinsam mit einem Bekannten, der sich ebenfalls dem IS anschließen wollte, nach Istanbul. Nach einem kurzem Aufenthalt reisten sie mit einem Bus in die türkische Stadt Gazientep nahe der syrischen Grenze.

Mit der Hilfe von Schleppern gelang es den beiden, in das vom IS kontrollierte Gebiet zu kommen. Dort wartete bereits ein Fahrzeug der Terroristen. "Ich hab die Flagge am Auto gesehen und ihre Waffen, und da bin ich zu ihnen gerannt."

Spitznamen "Vater des Kämpfenden"

Die für Neuankömmlinge vorgesehene monatelange Ausbildung will der 17-Jährige jedoch nicht absolviert haben. Er habe vielmehr in sogenannten "Safe Houses" in Syrien und im Irak Bewachungs- und Putzdienste erledigt. Seine IS-Kollegen verpassten ihm jedoch den Namen "Vater des Kämpfenden".

Allerdings will er die Waffen nur zum Posieren für das Foto in die Hand genommen haben. Er sei nur drei Tage im Kriegsgebiet gewesen, um mit einem Fahrzeug die Verletzten aus dem Kampfgebiet zu holen und zu einer Sammelstelle zu bringen.

Während seines Aufenthalts habe er regelmäßig Drohnachrichten an Freunde und Arbeitskollegen verschickt, wirft ihm Staatsanwältin Stefanie Schön vor, auch soll er an IS-Propagandavideos beteiligt gewesen sein. In einem auf Youtube hochgeladenen Video, das im Gerichtssaal vorgespielt wurde, sagte er u. a.: "(...) und ich will euch dazu einladen, auch die Kufar (die Ungläubigen, Anm.) zu schlachten."

Zwei Freundinnen wollte er dazu bewegen, dem IS beizutreten und zu ihm nach Syrien zu kommen. Ein weiteres Mädchen heiratete er sogar über den Kurznachrichtendienst Whatsapp und wollte mit ihr in Syrien eine Familie gründen, gab er zu.

Schwere Verletzungen durch Bombenangriff

Nach drei Monaten bei den Terroristen erlitt der Bursche bei einem Bombenangriff in Rakka schwere Verletzungen. "Milz weg, Niere weg, Teile des Lungenflügels und des Magens weg, der Darm zerfetzt", beschrieb Anwalt Wolfgang Blaschitz die Verwundungen. Als er mehr als zwei Monate im Spital lag, habe sich sein Mandant von dem IS abgewendet und seinen Vater um Hilfe ersucht. Im März dieses Jahres kehrte der 17-Jährige nach Wien zurück. Die Verhandlung wird nach einer Mittagspause am Nachmittag fortgesetzt. (APA, 13.7.2015)

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