Kopfweh nach dem großen Tsipras-Salto

12. Juli 2015, 17:48
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Glaube, Liebe, Hoffnung: Im linken Athener Stadtviertel Exarchia machen sich Parteibasis und Anhänger des linken Premiers Mut

Kolotoumba heißt das auf Griechisch, und wenn die Griechen in den vergangenen Wochen und Monaten schon viele Kolotoumbas gemacht haben, dann ist dieser Purzelbaum der wildeste gewesen, und vorbei ist er auch noch nicht. Doch beim Saltoschlagen ist vor allem eines wichtig: die Augen immer auf einen fixen Punkt richten. "Wir alle lieben Tsipras, wir lieben ihn, weil er gewagt hat zu sagen, wie aussichtslos diese ganze Sparpolitik ist", erklärt eine ältere Griechin unbeirrt.

Anna Mandelou, eine Anwältin, trinkt mit einer Freundin Kaffee im linken Athener Viertel Exarchia. Es ist Samstagnachmittag, ein paar Stunden nach dieser verrückten Abstimmung im Parlament und kurz bevor schon das nächste Drama beginnt in Brüssel mit den Eurofinanzministern.

Benommen sind die Griechen vom abrupten Kurswechsels ihres Premiers, vom Nein zu den Gläubigern zum Ja, vom Referendum gegen die "Erpresser" zur nächtlichen Parlamentssitzung mit dem Verhandlungsauftrag, vom neuen Sparkatalog zum Showdown in der Eurogruppe, wo die plötzliche Bekehrung der Linksradikalen aus Athen viel zu spät und zu unwahrscheinlich scheint. Doch die Anhänger von Alexis Tsipras versuchen ihre Welt zu ordnen.

"Alle interessieren sich für die Schlangen vor den Banken, die Schäuble geschlossen hat, aber nicht für die Schlangen vor den Suppenküchen und vor den Lastwagen der Bauern, die Gemüse verteilen", sagt Frau Mandelou verärgert. Der ganze internationale Medienrummel ist verlogen, so glaubt sie, und das nächste Kreditabkommen mit den Sparmaßnahmen auch nur ein Rezept für den Niedergang. "Sollen aus den dreieinhalb Millionen Griechen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, fünf Millionen werden? Ist Schäuble dann zufrieden?"

Der Plan der Deutschen

Wieder einmal Wolfgang Schäuble. Ein Fernseher läuft in einer Ecke in diesem Parteilokal, ein paar 100 Meter weiter vom Café Mouria auf der Kallidromiou-Gasse in Exarchia, wo sich die Linke trifft. Man schaut auf die Finanzminister, auf die Zuchtmeister in Brüssel, die der Reihe nach auftreten und etwas in die Mikrofone sagen. Als Schäuble erscheint, beginnt ein Murren am Tisch. "Wir gehen davon aus, dass die Deutschen diese demokratisch gewählte Regierung stürzen oder das Land zum Grexit führen wollen", sagt Giorgos.

Ein Dutzend Syriza-Mitglieder sitzt am Tisch im kleinen Parteibüro, isst Souvlaki von einem Take-away um die Ecke und nippt an Raki-Gläsern. Alexis Tsipras hat sich in den frühen Morgenstunden vom Parlament das Mandat zu Verhandlungen mit den Kreditgebern geben lassen. Acht Syriza-Politiker sagten Nein, darunter zwei Minister und die Parlamentspräsidentin; sieben weitere Abgeordnete der Regierungspartei drückten sich vor der Abstimmung, 15 stimmten nur mit Vorbehalt zu. Die Opposition hat Tsipras zur Mehrheit verholfen. Wie sie sich fühlen nach einer solchen Nacht? "Sehr schwierig!", tönt es am Tisch im Chor. "Wir haben verloren", sagt Dionysios, der Älteste in der Runde. "Das ist keine Antwort", fährt ihm Katarina über den Mund.

An der Wand hängen Che Guevara und Alexis Tsipras. Der Regierungschef, als er noch jünger war, mit schmalem Gesicht und spitzen Koteletten; und vier Bilder von den ersten Tagen, damals nach dem großen Wahlsieg im Jänner: die Angelobung beim Präsidenten, der Besuch von Kesariani, dem Schießstand in einem Athener Vorort, wo die deutsche Wehrmacht am 1. Mai 1944 200 Kommunisten exekutierte; und natürlich ein Foto von Tsipras' Siegesrede in der Wahlnacht vor dem Fresko am Haupteingang zur Athener Universität. "Die Kreditvereinbarungen sind annulliert", hatte Tsipras damals verkündet. Schwarze Tintenspritzer, manche faustgroß, laufen an einer Wand des Parteibüros herunter. Randalierer hatten vor ein paar Wochen zwei Farbflaschen durch ein Oberlicht geschleudert.

"Dieses Kreditprogramm ist nicht das, was die Regierung wollte", beginnt eine andere Frau am Tisch zu erklären. "Es ist unter dem Druck der EU zustande gekommen, aber es ist das beste, was wir haben konnten", sagt Despina. "Und die Themen Wachstumshilfe und Schuldenrestrukturierung sind nun dabei. Dafür haben wir gekämpft. Wir haben einen wichtigen Weg in Europa geöffnet, wir haben die Logik der Neoliberalen erschüttert." Despina, eine resolute Frau, ist sich sicher: Jetzt bilden sich neue Allianzen in Europa.

"Sie erpressen uns"

Am Tag nach dem großen Kolotoumba, dem Purzelbaum der regierenden linken Sparkursgegner, ist die Basis um Rechtfertigungen bemüht. "Es sind sehr Mächtige, mit denen wir uns anlegen", sagt Katarina, "sie erpressen uns, und sie respektieren auch nicht die Demokratie." Das hat Alexis Tsipras schon vor dem Referendum gegen die Kreditgeber gesagt. Nach einem Salto schaut man schließlich immer noch in dieselbe Richtung.

Auf der Kallidromiou-Gasse in Exarchia wird nun sauber gemacht. Samstags ist immer Markt, danach fahren die schweren Reinigungsfahrzeuge der Stadtverwaltung. Alles funktioniert auf den ersten Blick normal, auch wenn Griechenland jetzt in eine dritte Woche mit geschlossenen Banken stolpert; Wirtschaft und Handel sind auf Sparflamme.

"Es ist eine sehr große Wende", sagt Sotiris, "180 Grad". Er könnte ein bisschen schadenfroh sein wie die Kommunisten der KKE und die Leute von Antarsia, der antikapitalistischen Linken, bei der er selbst mitmacht, und die Syriza und ihren Tsipras immer schon für Schaumschläger gehalten haben. Aber Sotiris, ein 25-jähriger Student, nimmt die Kehrtwende verblüfft und ratlos zu Kenntnis wie die meisten anderen Griechen. "Die Frage ist", so sagt er, "ob wir tatsächlich die Sparmaßnahmen umsetzen." Draußen vor dem Café Paraskiniou geht ein Mann von der Stadtreinigung mit einem Hochdruckschlauch umher und spritzt die Gasse blitzsauber.

Neuwahlen in Sicht

Tsipras wird nun seine Regierung neu ordnen müssen. Die Entlassung von Energieminister Panayiotis Lafazanis und Arbeitsminister Dimitris Stratoulis, beide Sprecher der Linken Plattform in der Partei, werden erwartet. "Neuwahlen sind nahe", schreibt schon die Syriza-nahe Tageszeitung "Avgi" am Sonntag. 38 Prozent, doppelt so viel wie den Konservativen, gab eine Umfrage der linken Regierungspartei am vergangenen Freitag – kurz vor dem großen Salto. (Markus Bernath aus Athen, 12.7.2015)

  • Alexis Tsipras hat mit seiner  Nein-Empfehlung das Referendum gewonnen, doch angesichts seiner  Konzessionen wird die Volksabstimmung relativiert.
    foto: reuters/lenoir

    Alexis Tsipras hat mit seiner Nein-Empfehlung das Referendum gewonnen, doch angesichts seiner Konzessionen wird die Volksabstimmung relativiert.

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