Gedenken in Srebrenica: Von wegen Versöhnung

Kommentar12. Juli 2015, 17:48
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Auch nach zwei Jahrzehnten ist keine Versöhnung zwischen Serbien und Bosnien in Sicht

In Serbien jubelt man über die "mutig ausgestreckte Hand" von Premier Aleksandar Vucic – und man ist empört über die "organisierten Vandalen", die ihn in Srebrenica "lynchen" wollten. In Bosnien findet man hingegen Verständnis für den Wutausbruch der Angehörigen der Opfer des Genozids, auf die der Besuch des einst extremnationalistischen Serben wie eine Provokation wirken musste.

Zur Versöhnung ist es nach zwei Jahrzehnten also nicht gekommen, und allem Anschein nach wird es auch in zwei Jahrzehnten nicht so weit sein. Jedes Volk lebt abgekapselt in seiner eigenen historischen Wahrheit; jedes Volk zählt nur die eigenen Toten auf; jedes Volk spricht nur von den Verbrechen des jeweils anderen Volkes.

Einzelne Gesten von Politikern reichen einfach nicht aus. Sie wirken nicht glaubwürdig, wenn keine systematische Vergangenheitsbewältigung zugrunde liegt – zumal es sich um Politiker mit einem Background wie Vucic handelt.

In seinen eigenen Augen hat sich Vucic wohl zu einer herrlich aufopfernden Tat aufgerafft und scheint nun ehrlich gekränkt zu sein. Dabei sieht er sich nicht moralisch verantwortlich für das schreckliche Verbrechen in Srebrenica, das er zugibt. Er bestreitet aber den Völkermord an sich und versteht nicht, warum irgendjemand damit ein Problem haben könnte. Und so dreht sich der handfeste Teufelskreis der gegenseitigen Schuldzuweisungen um die ungewisse europäische Perspektive. (Andrej Ivanji, 13.7.2015)

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