Attacke gegen Vučić sorgt für Spannungen

12. Juli 2015, 18:12
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Bosnische Präsidentschaft entschuldigt sich – Belgrader Außenministerium reicht Protestnote ein

Sarajevo/Belgrad – Nachdem der serbische Premier Aleksandar Vučić bei seinem Besuch in der Gedenkstätte Potočari anlässlich der Gedenkveranstaltungen zum 20. Jahrestag des Genozids in Srebrenica am Samstag ausgebuht, ausgepfiffen und mit Flaschen und Steinen angegriffen worden war, hat sich am Wochenende die bosnische Staatspräsidentschaft für die Attacke entschuldigt.

Augenzeugen berichteten, dass Vučić durch einen Stein verletzt und seine Brille zerschlagen wurde. Die bosnische Präsidentschaft bedankte sich dafür, dass Vučić im Geiste der Versöhnung gekommen war, und kündigte an, dass gegen die Täter ermittelt werde. Man betonte, dass man daran arbeiten werde, das Vertrauen und die Beziehungen zwischen Bosnien-Herzegowina und Serbien zu verbessern. Auch die "Mütter von Srebrenica", eine Opferorganisation, drückten Bedauern aus. "Das war keine Attacke auf Vučić, sondern auf uns alle, auf unsere Würde", sagte Munira Subašić.

Umstrittenes Gedenken

Ex-US-Präsident Bill Clinton, der an der Gedenkveranstaltung teilgenommen hatte, sagte, dass der Angriff wohl nicht passiert wäre, wenn Vučić ein wenig später gekommen oder nur bei der Gedenkstätte gewesen wäre. Vučić war entgegen der Empfehlungen seiner eigenen Sicherheitsleute – und anders als etwa Clinton – durch den Friedhof gegangen, wo Hinterbliebene gerade ihre Angehörigen, Opfer des Genozids von 1995, beisetzten.

In Bosnien-Herzegowina ist Vučić wegen seiner Vergangenheit als serbischer Ultra-Nationalist umstritten. Für Kritik sorgte auch, dass Serbien mit Unterstützung Russlands im Vorfeld der Veranstaltung erfolgreich eine UN-Resolution zum Genozid in Srebrenica verhindert hatte. Auf dem Begräbnis wurden ihm auf einem Plakat seine eigenen Worte aus dem Jahr 1995 entgegengehalten: "Für jeden getöteten Serben werden wir 100 Muslime töten."

"Attentat auf Vučić"

In Belgrad wiederum unterbrach der Sender Pink einen Film und sendete ein Sonderprogramm mit dem Titel Attentat auf Vučić. Bis in die Abendstunden wechselten sich zahlreiche Experten und Politiker im Studio ab oder wurden telefonisch zugeschaltet. Auch Innenminister Nebojša Stefanovic sprach kurz nach der Attacke auf Vučić von einem "Attentat". Man konnte von "organisiertem Mordversuch", "Lynchen", einer "Ohrfeige für Serbien", einem "Angriff auf das serbische Volk" hören. Außenminister Ivica Dačić erklärte, dies alles sei die Folge der "Politisierung" von Srebrenica und ein "Angriff auf die serbische Friedenspolitik", und reichte in Sarajevo eine Protestnote ein.

Der Grundton war, dass Serbien eine Versöhnung wolle, doch dass das nicht möglich sei in einer Stimmung, in der "nur" die Bosniaken als Opfer dargestellt würden. Vučić selbst versprach versöhnlich, seine Friedenspolitik fortzusetzen, garantierte allen Bosniaken in Serbien Sicherheit und meinte: "Meine Hand bleibt weiter ausgestreckt". (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, Andrej Ivanji aus Belgrad, 12.7.2015)

  • Serbiens Premier Aleksandar Vučić legte am Samstag beim Gedenkstein in Potočari Blumen nieder.
    foto: reuters / a. bronic

    Serbiens Premier Aleksandar Vučić legte am Samstag beim Gedenkstein in Potočari Blumen nieder.

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