Turkstream-Zukunft fraglich

13. Juli 2015, 07:00
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Verträge gekündigt, Investitionen verschoben: Gazproms ambitioniertes Pipelineprojekt Turkstream kommt nicht voran. Experten zweifeln nun an der Realisierung

Moskau hat den Bau des ersten Strangs von Turkstream auf Eis gelegt. Die mit der Abwicklung des Projekts beauftragte Gazprom-Tochter South Stream Transport hat den Vertrag mit dem italienischen Pipelineverleger Saipem in der vergangenen Woche annulliert. "Diese Entscheidung wurde getroffen, da über viele arbeitstechnische und kommerzielle Fragen bei der Realisierung des Projekts Turkstream keine Einigung zu erzielen war" , heißt es in einer Pressemitteilung Gazproms.

Saipem entgeht damit ein Auftrag über 2,2 Milliarden Dollar. (1,97 Milliarden Euro) Gazprom muss wegen Vertragsbruchs eine Strafe von 300 Millionen Dollar zahlen. Immerhin steht das Spezialschiff Castoro Sei schon seit einem halben Jahr beschäftigungslos im Schwarzen Meer.

Gazprom betonte, dass dies nicht das Ende der geplanten Trasse bedeute. In Kürze würden Verhandlungen mit anderen potenziellen Pipelineverlegern aufgenommen, teilte das Unternehmen mit. Auch Russlands Energieminister Alexander Nowak bezeichnete das Ausscheiden Saipems als "technische Frage", die keine Auswirkung auf die Realisierung von Turkstream haben werde.

Allerdings handelt es sich dem Vernehmen nach nicht um ein Problem zwischen den beiden Unternehmen. Gazprom konnte es sich nur nicht leisten, die teure Leerlaufzeit der Spezialschiffe zu bezahlen, während die Verhandlungen über die Pipeline bugsieren. Nach wie vor gibt es Unstimmigkeiten zwischen Moskau und Ankara über den Preis. Gazprom weigert sich, der Türkei den laut Medienberichten geforderten Rabatt von mehr als zehn Prozent einzuräumen.

Sackgasse statt Durchbruch

Zudem ist unklar, an wen das Gas – 63 Milliarden Kubikmeter, die zum größten Teil auf den Balkan und nach Italien gehen sollten – geliefert werden soll, wenn der Widerstand aus Brüssel weiter anhält. Die Türkei und das willige Griechenland sind als Abnehmer zu wenig.

Mazedonien stellte sich Ende Mai quer, machte ein Einverständnis der EU-Kommission zur Voraussetzung für die Teilnahme am Bau. Dort war schon das Vorgängerprojekt Southstream auf wenig Gegenliebe gestoßen. Moskaus brüsker Abbruch der Verhandlungen und die Präsentation von Turkstream als Umgehungsvariante haben die Sympathie für das Projekt in Brüssel nicht gestärkt.

Vor dem Hintergrund hat Gazprom schon Anfang Juli die begonnene Erweiterung der für die Pipeline nötigen Zuleitungen auf russischem Territorium eingestellt. Zuletzt hatte Moskau den Gastransit über die Ukraine nach 2019 nicht mehr kategorisch ausgeschlossen.

Experten bezweifeln daher inzwischen die Realisierung der Pipeline: Rustam Tankajew, Energieexperte des russischen Öl- und Gasverbands, nennt die Wirtschaftlichkeit des Projekts unter den derzeitigen Umständen, dem Widerstand des Westens und angesichts der bevorstehenden Wiederaufnahme iranischer Lieferungen fraglich. Laut Michail Krutichin, Partner der Consultingagentur Rusenergy, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Turkstream das Schicksal von Southstream ereilt. (André Ballin aus Moskau, 13.7.2015)

  • Gazprom hat den Vertrag mit der  italienischen Saipem gecancelt, die die Rohre für die Pipeline Turkish  Stream verlegen sollte. Das Spezialschiff Castoro Sei schwimmt  beschäftigungslos im Schwarzen Meer.
    foto: epa/sauer

    Gazprom hat den Vertrag mit der italienischen Saipem gecancelt, die die Rohre für die Pipeline Turkish Stream verlegen sollte. Das Spezialschiff Castoro Sei schwimmt beschäftigungslos im Schwarzen Meer.

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