Wellenberg, Wellental, das Lied der Nixe

Porträt13. Juli 2015, 16:33
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Als Zwölfjährige ist Alexandra Worisch international aufgetaucht. Die Synchronschwimmerin, deren Eltern vom Turm sprangen und in der Oper tanzten, reüssierte solo und im Duett mit Eva Edinger. Sie sang in einer Band, coachte den Homosexuellenverein "Vorspiel" in Berlin, wurde Physiotherapeutin und Osteopathin

Wolkersdorf – Alexandra Worisch kann gleichzeitig nicken und den Kopf schütteln. Sagt man ihr, dass sie es als Synchronschwimmerin in Österreich wohl nicht immer leicht gehabt habe, nickt sie, den Kopf schüttelnd. "Aber es ist so ein schöner Sport." Sagt man ihr, dass Synchronschwimmen ein schöner Sport sei, schüttelt sie nickend den Kopf. "Aber bei den Bedingungen in Österreich hat man es nicht leicht." Diese Hin- und Hergerissenheit liegt in der Natur der Sache, vielleicht ein wenig auch in der Natur von Worisch, jedenfalls zieht sie sich wie ein roter Faden durch das Leben der nunmehr 49-Jährigen.

Umtriebig war sie sowieso die längste Zeit, erst in den letzten Jahren ist sie zur Ruhe und ist die Familie wieder in den Mittelpunkt gekommen. Worisch wohnt mit ihrem Lebensgefährten und dem gemeinsamen vierjährigen Sohn in Wolkersdorf, sie arbeitet als Physiotherapeutin und Osteopathin im Institut für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung, kurz IMSB, in Maria Enzersdorf. Wolkersdorf und die Südstadt liegen nicht wirklich nebeneinander, doch die Fahrerei macht Worisch nichts aus. Sie war immer viel unterwegs.

Wie die Eltern so die Kinder

Kürzlich, zur Feier des Sportunion-Siebzigers, wurden die Worischs als "Vorzeigefamilie" hingestellt. Papa Franz war mehrfacher Meister im Wasserspringen, Mama Eva sprang gar zu einer EM-Bronzemedaille vom Turm (1954, Turin). Doch als Trainerin wandte sich Eva vom Springen ab, sie entdeckte das Synchronschwimmen, etablierte die junge Sportart bei der Schwimmunion in Wien. Und während ihr Bruder Michael quasi sprunghaft dem Vater folgte, tat sich Alexandra, genannt Xandi, bald als größtes Talent unter den jungen, häufig sogenannten "Nixen" hervor. "Mit vier Jahren konnte ich schwimmen", sagt sie, "mit sechs hab ich schon Duett mit der Eva trainiert." Die Eva, das war Eva Edinger, mit ihr gemeinsam sollte Worisch große Erfolge feiern.

International tauchten die Mädchen aus Wien erstmals bei der WM 1978 in Berlin auf, sie waren zwölf Jahre alt, das Publikum war begeistert. Drei Jahre später schlossen sich auch die Punkterichter der Begeisterung an, bei der WM 1981 in Split gewann Worisch solo Silber und im Duett mit Edinger Bronze. Am Rande der EM wurde Worisch vom bekannten Fotografen Tony Duffy zu einem Shooting gebeten, ausnahmsweise mit offenem, nicht wie sonst zusammengebundenem Haar – ein Bild erreichte Berühmtheit, es wurde zum "Sportfoto des Jahres" gewählt, fand unzählige Nachahmungen und auch den Weg aufs Cover eines Buchs mit gesammelten Werken von Duffy (Winning Women – Changing Image of Women in Sport).

Beschwerlich, statt kontinuierlich

Mama Worisch, die nach ihrer eigenen Karriere wie Vater Worisch an der Volksoper tanzte, hatte das Coaching "ihrer" Mädchen weitgehend der Engländerin Dawn Zajac überlassen. Der Weg zur Spitze war dennoch kein kontinuierlicher, eher ein beschwerlicher. "Manchmal haben sie uns abserviert", sagt Worisch und meint die Juroren. So schaute bei Olympia 1984 (Los Angeles) "nur" ein zehnter Platz heraus. Ein Jahr später, nach einem mehrmonatigen Trainingsaufenthalt in Florida und der Verpflichtung der kanadischen Spitzentrainerin Sharon Hambrock, standen Edinger/Worisch als Europameisterinnen ganz oben, solo nahm Worisch aus Sofia noch Bronze mit.

Nach einer weiteren EM-Silbernen 1987 in Straßburg und im Solo ist sich eine weitere Olympiateilnahme nicht mehr ausgegangen. "Irgendwie war die Luft draußen." Worisch sagt, sie blicke "glücklich und zufrieden" auf ihre Karriere zurück, die sie "der Hartnäckigkeit meiner Mutter zu verdanken" habe. Manches sei "ein Ärgernis" gewesen, insgesamt aber habe er "schon Spaß gemacht", der Sport. "Ich habe gern getanzt, ich hab die Kreativität geliebt, auch das bis ins Detail perfektionistische Arbeiten. Wir haben einige Elemente erfunden, die man heute noch sieht."

"Gar keine Freizeit"

Synchronschwimmen sei, sagt Alexandra Worisch, "kein einfacher Sport". Oft habe sie sechs, sieben, acht Stunden täglich trainiert, oft sieben Tage die Woche. Wenig Freizeit? "Gar keine Freizeit." Also kaum Hobbys? "Gar keine Hobbys." Beinahe nebenbei hatte Worisch am musisch pädagogischen Gymnasium Hegelgasse maturiert, eine Zeitlang studierte sie Gesang. Vor allem aber hatte sie nach ihrer Karriere in sozialer Hinsicht einiges nachzuholen, Freundschaften aufzubauen. "Als Spitzensportler hast du ja kaum Kontakte. Wenn dich Schulkollegen dreimal einladen und du dreimal absagst, wirst du kein viertes Mal eingeladen."

Sie sang in einer Band (The Nightflight), sang Kinderlieder und Musical für Plattenaufnahmen. "Ich hab ganz gut gesungen", sagt sie, "aber ich war nicht das Wahnsinnstalent." Die Band coverte vor allem Jazznummern, mit ihr übersiedelte Worisch nach Münster, später nach Berlin.

Physiotherapeutin beim "Vorspiel"

Sie blickt auf insgesamt zehn Jahre und eine gescheiterte Ehe in Deutschland zurück. Das Schwimmen hat sie nie ganz sein lassen, in der offenen Masters-Klasse errang sie einen deutschen Meistertitel, dafür wurde sie vom Bürgermeister von Münster geehrt. Sie trat mit einer Tanzkompanie auf, übernahm auch deren Choreografie. Aber bald war klar, dass sie davon nicht würde leben können, also ließ sie sich zur Physiotherapeutin ausbilden. In Berlin bekam sie eine Stelle an der Charité, da wurde sie eines Tages von einem Patienten gefragt, ob sie nicht einen Synchronschwimmverein trainieren wollte. Worisch wollte, der Verein war eher ungewöhnlich, er hieß "Vorspiel", versammelte Schwulen und Lesben. "Da waren Ärztinnen und Ärzte, Juristinnen und Juristen dabei. Einmal die Woche wurde trainiert, mehr oder weniger ernst. Und es gab immer wieder Showauftritte mit tollen, wirklich ganz tollen Kostümen."

Nach ihrer Rückkehr nach Österreich, sagt Worisch, habe sie "als späte Mutter und auch sonst sehr viel Glück gehabt". Ihr Lebensgefährte sei ebenfalls sehr sportlich und sportinteressiert, der vierjährige Sohn "ein ganz tolles Kind". Beim Verein, bei der Schwimmunion Wien, kümmert sie sich nach wie vor ums Synchronschwimmen, ihre Tätigkeit beim österreichischen Verband (OSV) hat sie nach geraumer Zeit wieder beendet. Ihre Nichte Nadine Brandl ist derzeit die beste Synchronschwimmerin des Landes, mangels einer Partnerin hat sie allerdings keine Chance auf eine Olympiateilnahme 2016 (Rio). Manche Dinge ändern sich nie. Ärgerlicher, schöner Sport. Alexandra Worisch nickt. (Fritz Neumann, 13.7.2015)

  • "Ich habe sehr viel Glück gehabt", sagt Alexandra Worisch.
    foto: der standard/privat

    "Ich habe sehr viel Glück gehabt", sagt Alexandra Worisch.

  • 1981 verhalf sie Herrn Duffy am Rande der EM in Split zum "Sportfoto des Jahres".
    foto: getty images/duffy

    1981 verhalf sie Herrn Duffy am Rande der EM in Split zum "Sportfoto des Jahres".

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