Personal Training am Smartphone: Bitte recht streng!

21. Juli 2015, 08:46
262 Postings

Weltweit benutzen fünf Millionen Menschen die Münchner Fitness-App "Freeletics". Täglich kommen laut eigenen Angaben 10.000 Abonnenten dazu. Was ist dran am Personal Training auf dem Smartphone?

"Wow, deine Schultern sind breiter geworden!" Der junge Mann strahlt, gönnt der Komplimentspenderin aber keinen Blick: Dafür hat er keine Zeit. Oder keine Kraft. Oder beides. Jetzt gibt es Wichtigeres: Klimmzüge. Sechs waren es – vier kommen noch. Dann Strecksprünge. Dann Laufen: ein Kilometer Maximaltempo. Dann wieder Klimmzüge: Schön, wenn das Ergebnis auffällt – aber dafür muss man Prioritäten setzen. Und trainieren. Hart trainieren. Geflirtet wird nachher: alles zu seiner Zeit – mit breiteren Schultern.

Aber das weiß die Komplimentspenderin ohnehin. Weglaufen wird sie auch nicht. Schließlich tut sie hier, im Käfig, am Wiener Donaukanal auf Höhe der Rossauer Lände, ziemlich das Gleiche, wie der mit den jetzt breiteren Schultern: trainieren. Hart. Nach Plan – und der kommt aus dem Handy.

Besser in der Gruppe

"Was uns hierherbringt, ist das Gruppengefühl. In der Gruppe kommt man weiter und motiviert sich besser als daheim oder in der Anonymität eines Fitnesscenters", sagt Marcus Gottwald. Der 32-Jährige steht am Rand des Käfigs und schaut 25 Trainierenden zu. Jeder hat eine Matte – und ein Smartphone. Das gibt Befehle. Optisch. Akustisch. Jedem andere. Widerspruch zur "Gruppe" ist das keiner, sagt Gottwald: "Leiden schweißt zusammen. Aber auch, dass man sieht, dass das Programm funktioniert. Bei sich – und den anderen."

Das Programm: Es heißt Freeletics, wurde in Deutschland erfunden – und ist eines der ganz großen Dinger in der Welt der Selbstoptimierungs-Apps. Gottwald verwendet es seit dem Winter 2013. "Beim ersten Mal bin ich halb gestorben."

Doch er überlebte und übernahm mit seinem Kumpel Harald Steinwender die zur App gehörende österreichische Online-Community. Und die wurde sehr rasch lebendig: "Im Februar 2014 hatten wir 1.000 Mitglieder, seit diesem Frühjahr 5.000." Die 5.000 sind nur ein Klax: die Austro-Community. Denn weltweit hat Freeletics mehr als fünf Millionen "Follower". Zahlende Abo-Kunden: Je nach Abo-Bindungsdauer zahlt man acht bis zehn Euro monatlich für Trainingspläne auf dem Smartphone.

Online-Trainings-Apps gibt es viele tausende. Doch der Clou der von den drei Studenten Andrej Matijczak, Joshua Cornelius und Mehmet Yilmaz im Sommer 2013 in München gegründeten Fitnessplattform ist die Überprüfbarkeit der Erfolge. "Transformationen" heißt das im Freeletic-Sprech. Der Old-School-Ausdruck lautet "Vorher-nachher-Fotos" (oder -Videos). Nur: Wie echt die sind, ist anderswo kaum überprüfbar.

Freeletics ist heute in 160 Ländern präsent und wächst nach eigenen Angaben täglich um 10.000 neue Abonnenten. Sie geben Körper-, Gesundheits- und Aktivitätsparameter ein – und bekommen dafür regelmäßig individuelle Drill-Instructions.

Maßgeschneidert?

Wie "maßgeschneidert" Turnanweisungen für fünf Millionen Kunden sein können? Ja eh. Aber auch "persönliche" Trainer verwenden Bausteinsysteme. Der Unterschied: die Anwesenheit des Experten. Und die Kontrolle: Internalisierte Fehler können nämlich ganz böse Schäden verursachen.

Ja, räumt der Mann im Käfig am Donaukanal ein, da sei was dran. Daran könnten auch 1.000 Freeletics-Video-Tutorials nichts ändern. Aber Gottwald bittet um Fairness: "Schau, wie viele Leute total falsch laufen – oder im Fitnesscenter richtig Mist bauen. Aber denen sagt keiner was." Hier, im Käfig, sei das anders: "Wenn einer was falsch macht, sagen wir das einander. Das macht den Unterschied aus: We are family – das spürt man." (Thomas Rottenberg, Rondo Digital, 21.7.2015)

  • Burbees, Climbers, Pull-ups oder Lunge-Walk: Wer ein Freeletic werden will, sollte diese Übungen beherrschen. Die Selbstoptimierungs-App zeigt vor, wie diese ausgeführt werden.
    foto: freeletics

    Burbees, Climbers, Pull-ups oder Lunge-Walk: Wer ein Freeletic werden will, sollte diese Übungen beherrschen. Die Selbstoptimierungs-App zeigt vor, wie diese ausgeführt werden.

  • Artikelbild
    foto: freeletics
  • Artikelbild
    foto: freeletics
  • Artikelbild
    foto: freeletics
  • Artikelbild
    foto: freeletics
  • Artikelbild
    foto: freeletics
Share if you care.