Navi ignorieren

16. Juli 2015, 13:11
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Selbstbestimmung oder Sicherheitsgefühl

foto: ap / sven kaestner

Pro
von Karin Tzschentke

Früher war ich mal (asch)blond. Und zeigte nur wenig Talent im Lesen von Straßenkarten. "Was jetzt? Rechts oder links? Kann man denn so blöd sein, das nicht zu erkennen?", tönte es regelmäßig von der Fahrerseite. Äh, lechts, nein, doch rinks, meine zunehmend verwirrte Antwort.

Jahre später änderten sich zwei Parameter in dieser Welt und in meinem Leben – Navis zogen in Autos ein, ich aus der Beziehung aus. Doch statt nunmehr freundlich, aber bestimmt angesagt zu bekommen, dass ich mich auf dem Holzweg befinde, bestimme ich selbst, wie ich mit meinem verbeulten Gebrauchtwagen wo hingelange, oder auch nicht. Was habe ich dadurch inzwischen nicht für romantische Winkel – und nette Leute – kennengelernt. Wenn ich nicht mehr weiterweiß, fahre ich an den Straßenrand und frage Passanten – und habe noch immer mein Ziel erreicht.

In der Stadt? Da lasse ich mich kutschieren. Von Öffi-Chauffeurinnen oder -Chauffeuren. Wenn das nicht möglich ist, dann habe ich eine Geheimwaffe parat: Straßenpläne. Denn die habe ich inzwischen stressfrei lesen gelernt.

Kontra
von Stefan Schlögl

Männer fragen bekanntlich nicht nach dem Weg. Niemals. Das wäre die Verleugnung von vor Jahrtausenden angeeigneten Orientierungstechniken. Richtung Bisonsteak. Zur Höhle des Nebenbuhlers. Zur Frau des dann erschlagenen Nebenbuhlers. Orientierung sichert den Bestand einer Spezies, vor allem in Transdanubien, hinter Žižkova und auf der Spaghetti Junction in Birmingham.

Für diese schwierigen Fälle wurden nach den Wegweisern die Navigationsgeräte erfunden – und vergessen Sie den Schmus von der netten Straßenrandbekanntschaft, die einem nebst Weg auch einen lukullischen Geheimtipp durchs Seitenfenster raunt. So etwas passiert nur im Ö1-Reisemagazin. Oder in Japan. (Weil ein Japaner einem immer den Weg weist, obwohl er ihn gar nicht kennt. Gesichtsverlust und so.) In der Realität steht hinter Ihnen ein Lichthupendolm und vor Ihnen ein Mensch, dessen Schultern zucken. Das muss nicht sein. Mann und Frau von Welt lassen navigieren. Er, damit er das Gefühl hat, das Ziel zu finden. Sie, damit sie ihn im Glauben lässt, es auch zu haben. Und umgekehrt. (Rondo Digital, 18.6.2015)

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