Steinattacke auf Vučić bei Srebrenica-Gedenken

Video11. Juli 2015, 21:32
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Vučić ausgepfiffen und mit Flaschen und Steinen beworfen – Großmufti Kavazović versuchte zu beruhigen

Sarajevo – Aufgebrachte Demonstranten haben den serbischen Ministerpräsidenten Aleksandar Vučić am Samstag bei der Feier zum Gedenken an das Massaker von Srebrenica im bosnischen Dorf Potočari mit Gegenständen beworfen und dabei auch mit Steinen getroffen. Ein Stein traf ihn laut dem serbischen Innenminister, Dragan Lukač, am Kopf. Ein Verdächtiger wurde laut dem Internetportal der bosnischen Tageszeitung "Dnevni Avaz" festgenommen.

Die serbische staatliche Presseagentur Tanjug meldete unter Berufung auf serbische Delegationsquellen, dass Vučićs Brillen zerbrochen seien. Weitere Angaben zu einer eventuellen Kopfverletzung des Regierungschefs gab es nicht.

Quelle: Radio Free Europe – Radio Liberty

Vučić war als erster Regierungschef seines Landes nach Srebrenica gereist, um mit zahlreichen weiteren Politikern an der Gedenkfeier für rund 8.000 von bosnisch-serbischen Truppen vor 20 Jahren ermordeten muslimischen Bosniaken teilzunehmen. Die Veranstaltung sollte der Abschluss eines mehrtägigen Friedensmarsches von Nezuk nach Potočari sein.

"Allahu Akbar"-Rufe

Der Unmut eines Teils der Anwesenden äußerte sich besonders, als Delegationen Blumen am Denkmal für die Massakeropfer niederlegten.

foto: reuters/antonio bronic
Demonstranten empfanden es anscheinend als Provokation, dass Vučić Blumen vor einem Gedenkmal niederlegte.

Schon zuvor war er bei der Veranstaltung von Demonstranten ausgepfiffen und ausgebuht geworden. Zu hören waren auch "Allahu Akbar"-Rufe. Die Gegenstände sollen laut bosnischen Medien geflogen seien, als Vučić das Gebäude der alten Batterienfabrik verließ, wo die Gedenkfeier abgehalten wurde. Bodyguards schützen ihn mit Regenschirm.

Die Situation wurde schließlich durch eine kurze Ansprache des bosnischen Großmuftis Hussein Kavazović beruhigt. Er appellierte an die Masse, ihre Aufmerksamkeit der Beisetzung von 136 Opfern zu widmen und nicht den Delegationen.

Erinnerung holen Vučić ein

Serbiens Außenminister Ivica Dačić erklärte unterdessen, dass der Angriff auf Vučić auch ein Angriff auf Serbien, seine Friedenspolitik und die Politik der regionalen Zusammenarbeit wäre. "Dies ist eine weitere negative Folge der Politisierung dieses Themas (Srebrenica-Massaker, Anm.), das zu neuen Spaltungen und Hass anstatt zur Versöhnung geführt hat", sagte Dačić laut einer Aussendung seines Kabinetts.

Bosnische Medien brachten den Angriff auf Vučić mit den jüngsten Ereignissen im UNO-Sicherheitsrat in Verbindung. Durch das Veto Russlands war diese Woche die Annahme einer UNO-Resolution zu Srebrenica verhindert worden, in der der Genozid verurteilt wurde. Serbische Politiker vermeiden es nach wie vor, das Massaker als Völkermord zu bezeichnen und sprechen statt dessen von einem "schrecklichen" oder "monströsen" Verbrechen.

Vučić wurde in Potočari auch mit einem Spruchband an seine Worte während des Bosnien-Krieges erinnert. "Für jeden Serben werden wir 100 Muslime töten", stand darauf. Während des Bosnien-Krieges (1992-1995) war Vučić ein hochrangiger Vertreter der ultranationalistischen Serbischen Radikalen Partei (SRS) des Haager Angeklagten Vojislav Šešelj. Er hatte sich im Herbst 2008 von Šešelj distanziert und zusammen mit dem derzeitigen Präsidenten Tomislav Nikolić eine auf die EU-Annäherung Serbiens ausgerichtete Politik angenommen.

EU will Aufklärung

Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini hat verlangt, dass der Angriff auf Vučić bei der Gedenkfeier zum 20. Jahrestag von Srebrenica-Völkermordes aufgeklärt wird. "Wir erwarten eine volle Untersuchung dieses Zwischenfalls durch die bosnischen Behörden", sagte Mogherini am Samstag.

Dass Vučić, der die "historische Entscheidung" zur Teilnahme an der Gedenkfeier getroffen habe, diese verlassen musste, "geht gegen den Geist von diesem Tag des Gedenkens", kritisierte Mogherini.

"Es zeigt, dass wir alle unsere Bemühungen verstärken müssen, den Hass zu überwinden, und Versöhnung in der ganzen Balkan-Region und darüber hinaus betreiben müssen", sagte Mogherini. "Heute ist ein Tag der Versöhnung, der Würde und der Achtung. Die EU wird Bemühungen in diese Richtung weiter unterstützen."

(APA/AFP, 12.7.2015)

  • Bosnische Polizisten nehmen einen Verdächtigen fest.
    foto: epa/valdrin xhemaj

    Bosnische Polizisten nehmen einen Verdächtigen fest.

  • Mir Regenschirmen wurde Vučić geschützt.
    foto: reuters/antonio bronic

    Mir Regenschirmen wurde Vučić geschützt.

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