"Es herrscht eine unfassbare Apathie"

Interview11. Juli 2015, 22:53
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Die ungarische Autorin und Wissenschafterin Zsófia Bán über ihr Heimatland Ungarn, das historische Gedächtnis und eine Atmosphäre von Misstrauen und Angst.

STANDARD: Frau Bán, Sie haben unlängst in Wien mit György Dalos über Ungarn diskutiert, bei einer Veranstaltung betitelt mit der Frage: "Wer hat Angst vor Viktor Orbán?". Haben Sie Angst vor ihm?

Bán: Es geht nicht um meine persönliche Angst, sondern um die generelle Atmosphäre von Angst im ganzen Land, die von dieser Regierung bewusst geschürt wird, indem sie durch Willkür die Menschen verunsichert, existenziell verunsichert.

STANDARD: Schützt Sie Ihr Status als Autorin und Universitätsprofessorin?

Bán: In gewisser Hinsicht ja. Ich kann meine Gedanken ausformulieren, im In- und Ausland publizieren, mit Ihnen sprechen. Das ist ein großes Privileg.

STANDARD: Auch eine Verantwortung?

Bán: Ja. Wer gehört wird, trägt immer auch Verantwortung. Doch auch ich kann mich von einem Tag auf den anderen in einer völlig neuen Situation wiederfinden. Und das ist es, was sie wollen. Unabhängig von der gesellschaftlichen Schicht ist jeder Einzelne ihrer Willkür ausgeliefert. Die Schutzlosigkeit wächst natürlich mit der Armut – für 47 Prozent aller Familien in Ungarn stellt bereits die Ernährung der Kinder ein Problem dar. So sind oft gravierende Kompromisse notwendig, was die allgemeine Frustration und Aggression im Land nur erhöht. Die Krise in Ungarn ist nicht nur eine politisch-ökonomische, sondern, nicht weniger wichtig, eine psychologische. Niemand weiß, was morgen sein wird, man kann nichts planen. Die Folgen für jeden Einzelnen sind verheerend, und die Psyche des Landes wird massiv beschädigt.

STANDARD: Szilárd Borbély nannte Debrecen "mein Dogville". Können Sie das nachvollziehen?

Bán: Als Bild für eine Situation des Ausgeliefertseins und völliger Schutzlosigkeit ja.

STANDARD: Gibt es keinen Ausweg für Ungarn?

Bán: Zumindest gibt es im Moment keinen Raum für Aufarbeitung, ob persönlich oder kulturell. Ohne diesen Raum ist so etwas wie Katharsis aber nicht möglich, folglich auch keine Aussöhnung, geschweige denn Heilung.

STANDARD: Wenn man die Literatur eines Landes als einen Möglichkeitsraum begreift, dann ließe sich auch in der ungarischen Gegenwartsliteratur für die Jahrzehnte vor 1989 eine eigentümliche Abwesenheit von politisch heiklen Themen feststellen.

Bán: Das hängt damit zusammen, dass es in Ungarn mit 1989 keinen echten Systemwechsel gegeben hat. Dieses Ausholen auf historisch weit zurückliegende Epochen ist eine der Folgen daraus. Überdies ist Ungarn das einzige postsozialistische Land, in dem die Geheimdienstakte nur streng beschränkt zugänglich sind, und viele Akte sind einfach "verschwunden". Alle Regierungen – gleich welcher Couleur – waren sehr gegen eine Offenlegung. Jederzeit kann aus dem Nichts eine Akte auftauchen, um jemanden zu diffamieren; sie sind bis heute ein massives Druckmittel zur Einschüchterung politischer Gegner. Wer da hineinstochert, begibt sich auf vermintes Terrain.

STANDARD: Wie viel trägt dieser Umstand zur gegenwärtigen Entwicklung bei?

Bán: Kein Land, das sich ernsthaft zur Idee der Demokratie bekennt, sollte die Entstehung einer solchen Situation zulassen. Ein dauerhafter Schatten auf Politik und Bevölkerung entsteht, eine Atmosphäre von Misstrauen, Argwohn und Verdächtigung – das derzeitige Ungarn. So kann keine Demokratie gedeihen. Zudem sind die Zeitzeugen von Krieg und Kommunismus noch sehr präsent – und mit ihnen ihre Geschichten, die permanent zirkulieren. Das kommunikative Gedächtnis unterminiert ständig das historische und verursacht so dauerhafte Spannungen.

STANDARD: Warum hält sich das Märchen vom sogenannten Gulaschkommunismus bis heute so hartnäckig?

Bán: Retrospektiv und mit heutigem Wissen denke ich, dass es kein Märchen ist, sondern bis zu einem gewissen Grad gestimmt hat. Aber dieses kleine Stück an Freiheit haben wir um einen Preis erkauft, der jetzt negativ auf uns zurückfällt. Die Kontinuität der Manipulation hat zu einer tief verwurzelten Passivität geführt. Es wird noch lange dauern, bis sich in Ungarn politischer Widerstand wieder breit formieren kann.

STANDARD: Was geschieht bis dahin?

Bán: Ich weiß es nicht. Ich sehe nur, dass die positiven Reformen der Zeit nach 1989 von dieser Regierung skrupellos ausgehöhlt worden sind. Sie hat dabei leichtes Spiel gehabt, weil Ungarn nie eine Phase hatte, in der demokratische Institutionen mit Leben hätten ausgefüllt werden können. Es herrscht eine unfassbare Apathie, und im Moment sehe ich nicht, wie oder wodurch sich das ändern sollte. Es fehlt an einem grundlegenden Respekt vor einer demokratisch organisierten Gesellschaft.

STANDARD: Sind Sie politisch engagiert?

Bán: Nicht mehr als jeder andere, der mit den Konsequenzen dieser Politik täglich leben muss. Ich unterrichte auch an der Universität, und alleine, was in der Bildung in den vergangenen vier, fünf Jahren zerstört worden ist, kann man nicht anders als tragisch nennen. Die Mittel im Bildungs- und Forschungssektor wurden radikal gekürzt, was die Studierenden ins Ausland treibt und, viel schlimmer, ihnen jeglichen Anreiz nimmt, zurückzukommen. Ich spreche nicht von ein paar Tausend, ich spreche von einer ganzen Generation, die fortgeht, was neben den fatalen ökonomischen Folgen auch einen enormen kulturellen Verlust bedeutet. Ungarns kultureller Reichtum basiert ja auch auf dieser Internationalität, auf Menschen, die fort- und heimgegangen sind. Wenn wir das aufgeben, verlieren wir sehr viel von dem, was uns ausmacht.

STANDARD: Was hält Sie in Ihrem Land?

Bán: Viele von uns fragen sich das selbst. Als Schriftstellerin ist man zunächst an die Sprache gebunden. Wir haben eine so faszinierende Sprache, Literatur und Kultur, dass ich in einer sehr prekären Lage sein müsste, um das Land zu verlassen. Ich liebe die ungarische Kultur, auch wenn es in Ungarn selbst oft kaum mehr auszuhalten ist.

STANDARD: Sie sind als Elfjährige aus Brasilien nach Ungarn übersiedelt ...

Bán: Ja, bis dahin kannte ich Ungarn nur von Aufenthalten bei den Großeltern. Brasilien war der Ort meiner Kindheit, meine Heimat. Die Übersiedelung war ein harter Schnitt. Ich habe das wie eine Organtransplantation empfunden, bei der man nie weiß, ob der eigene Körper das fremde Organ annimmt oder abstößt. Ich denke, es hat ganz gut geklappt, aber Operationsnarben bleiben ja für immer. Heute bin ich für diese Doppelidentität dankbar; ich kann durch sie fallweise aus mir heraus- und als eine andere wieder in mich hineintreten.

STANDARD: Péter Nádas sagt, Sie hätten die ungarische Literatursprache neu erfunden. Hängt das mit dieser Doppelperspektive zusammen?

Bán: Zumindest ist sie ein Vorteil. Aber die ungarische Literatur ist großteils sehr hermetisch, was auch mit dem Fehlen einer Kolonialgeschichte und dem ständigen historischen Kampf nach nationaler Unabhängigkeit zu tun hat. Dadurch trägt in der ungarischen Kultur die Literatur – die Sprache – mindestens so viel politische wie ästhetische Bedeutung. Die kanonisierten Werke sind, wenn auch formal mutig, sehr narrativ und historisch ausgerichtet.

STANDARD: Terézia Mora übersetzt Ihre Bücher ins Deutsche. Birgt die Zusammenarbeit mit einer so sprachmächtigen Partnerin Konfliktpotenzial?

Bán: Im Gegenteil. Terézia hat unfassbar viel Sprachgefühl und ist eine begnadete Übersetzerin. Ich fühle mich sehr beschenkt.

STANDARD: Wir haben jetzt viel über Ungarn und viel zu kurz über Ihre Literatur gesprochen. Sind Sie das Sprechen über Politik manchmal leid?

Bán: Es ist das Einzige, das wir jetzt beitragen können. Es wäre unverzeihlich, es nicht zu tun. (Josef Bichler und Patricia Kurucz, Album, 11.7.2015)


Zsófia Bán, 1957 in Rio de Janeiro geboren, aufgewachsen in Brasilien und in Ungarn, ist eine namhafte Kunst- und Literaturkritikerin. Sie hat in Filmstudios gearbeitet, war Ausstellungskuratorin und lehrt Amerikanistik in Budapest. "Abendschule", ihr literarisches Debüt, erhielt 2008 den Attila-József-Preis. 2014 erschien ihr Erzählband "Als nur die Tiere lebten". Beide Bücher sind im Suhrkamp Verlag erschienen.

  • Zsófia Bán: "Die Krise in Ungarn ist nicht nur eine politisch-ökonomische, sondern, nicht weniger wichtig, eine psychologische. Niemand weiß, was morgen sein wird, man kann nichts planen. Die Folgen für jeden Einzelnen sind verheerend."
    foto: ullstein / schleyer

    Zsófia Bán: "Die Krise in Ungarn ist nicht nur eine politisch-ökonomische, sondern, nicht weniger wichtig, eine psychologische. Niemand weiß, was morgen sein wird, man kann nichts planen. Die Folgen für jeden Einzelnen sind verheerend."

  • Zsófia Bán, "Als nur die Tiere lebten". Aus dem Ungarischen von Terézia  Mora.  € 23,60 / 207 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2014.
    cover suhrkamp

    Zsófia Bán, "Als nur die Tiere lebten". Aus dem Ungarischen von Terézia Mora. € 23,60 / 207 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2014.

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