"Eine Nacht in Venedig": Kreuzfahrt der Gefühle

10. Juli 2015, 17:52
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Johann Strauss' Operette feierte bei den Seefestspielen in einer modernisierten Fassung Premiere

Mörbisch am See – In den höfischen Opernaufführungen des 18. Jahrhunderts war die Grenze zwischen Zuschauenden und Akteuren fließend, bisweilen inexistent: Die Herrscher tanzten und spielten eifrig mit, sei es auf der Bühne oder innerhalb des übrigen Zeremoniells: Es war eine festliche Gesamtinszenierung, die ihnen zu Ruhm und Ehre gereichte. Solche verschwimmenden Grenzen zwischen der Show auf und vor der Bühne haben sich bei dem Seefestspielen Mörbisch stärker erhalten als anderswo – und nicht nur, wenn die Intendantin oder vormals der Intendant selbst Rollen übernehmen.

In munterem Durcheinander gehört der nullte Akt jeder dortigen Premiere der Prominenz etwa von Künstlern oder Politikern, die für alle gut sichtbar vor der ersten Reihe herumstehen und sich im Paparazzi-Gewitter sonnen dürfen. Dagmar Schellenberger manövrierte sich ebenso souverän durch dieses betonierte Parkett wie durch ihre Eröffnungsrede. Doch dann machte die Festivalchefin den Fehler, ihrem Vorgänger die Ehrenmitgliedschaft zu verleihen, woraufhin Harald Serafin das Ruder an sich riss und – über Schellenbergers Mikroport! – eine seiner gefürchteten und geliebten Reden schwang, unter anderem des Inhalts, er werde die Urkunde an einen ehrenwerten Platz "stecken". So weit, so originell.

Ein Herzog als Kapitän

Die eigentliche Aufführung bot zwar manche Derbheit, aber keine vergleichbaren Überrumpelungen mehr – obwohl sich Regisseur Karl Absenger (in einer gemeinsam mit Joesi Prokopetz "modernisierten" Textfassung) alle Mühe gegeben hat, aus Johann Strauss’ Operette Eine Nacht in Venedig eine Revue der Überraschungen zu machen. Wie so oft beim Regietheater wurzelte auch die Idee, die Handlung (zum Gutteil) auf ein Kreuzfahrtschiff zu verlegen, das für eine Nacht in der Lagune ankert, im Originallibretto, gibt es doch dort einen Seeoffizier. Grund genug, aus dem Herzog von Urbino den Kapitän des gleichnamigen Kahns zu machen, der imposant die eine Hälfte der Drehbühne ausmacht, während die andere eine venezianische Häuserzeile darstellt (Bühne: Walter Vogelweider).

Hier und insgesamt ist die Quadratur des Kreises geglückt, eine durchwegs pittoreske Kulisse mit (für Mörbischer Verhältnisse) geradezu dekonstruktivistischen Ansätzen zu verbinden, wenn etwa erst einmal eine versunkene Gondel von einem Kran aus dem Canal gehoben werden muss. Dennoch kommen zuvorderst die Liebhaber opulenter, bunter Szenen auf ihre Kosten – vor allem dank einer hohen Zahl von (Ballett-)Einlagen, die die immer noch etwas dürftige Handlung und Dramaturgie aufpeppen.

Am Ende sternklare Sicht

Die Übertragung der Geschichte in die neue Sphäre, die Einführung des Smartphones und der Jugendsprache ist durchaus gelungen, etwas bemüht aber sind die endlosen Endreime jener beiden Senatoren, die Prokopetz und Ernst-Dieter Suttheimer mit komödiantischer Pranke geben, wobei sie jedoch teils im Niveau des Villacher Faschings herumdümpeln. Ein Lichtblick hingegen der Delacqua von Heinz Zednik, der den lächerlichen Alten feinsinnig und sprühend vor Nuancen und Witz spielt – bei weitem nicht der einzige Hoffnungsschimmer. Musikalisch ist die durcheinandergekommene Karnevalwelt nämlich ziemlich in Ordnung: Das Orchester klingt gediegen und schwungvoll, das Dirigat von Andreas Schüller straff und inspiriert, wenn auch ein wenig nüchtern – selbst beim eingestreuten Schwipslied, das Schellenberger als Barbara mit etwas derbem Charme von sich gibt.

Gesungen wird großteils gut, vor allem von Elena Puszta als Annina (mit strahlender Durchschlagskraft und wendigen Koloraturen) und Verena Barth-Jurca als Ciboletta (mit koketter Leichtigkeit). Weit weg aus der Sphäre des Operettenhaften weist Herbert Lippert als Kapitän (besonders mit seiner Auftrittsnummer Sei mir gegrüßt, du holdes Venezia aus der Bearbeitung der Operette von Erich Wolfgang Korngold), und zwar nicht nur wegen heldisch-metallischer Anklänge, sondern durch eine emotionale Durchdringung, die auf dieser Kreuzfahrt der Gefühle auf einsamem Posten bleibt. Immerhin hatte er dabei am Premierenabend nach einem böigen Beginn am Ende sogar sternklare Sicht.

(Daniel Ender, 10.7.2015)

Bis 22. 8.

  • In der Inszenierung von Johann Strauss' Operette "Eine Nacht in Venedig" bei den Seefestspielen Mörbisch kommen vor allem Liebhaber opulenter, bunter Szenen auf ihre Kosten.
    foto: jerzy bin

    In der Inszenierung von Johann Strauss' Operette "Eine Nacht in Venedig" bei den Seefestspielen Mörbisch kommen vor allem Liebhaber opulenter, bunter Szenen auf ihre Kosten.

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