Budapest Pride: Mit Stolz gegen Homophobie

11. Juli 2015, 09:00
62 Postings

Rekordzulauf bei 20. Auflage der LGBT-Parade erwartet. Der Bürgermeister würde sie am liebsten aus der Innenstadt verbannen

Nach der Entscheidung des amerikanischen Obersten Gerichts für die Homo-Ehe und einem analogen Ja beim Referendum in Irland spürt Ungarns LGBT-Gemeinde Aufwind. Für die 20. Budapester Pride, die am Samstag im Zentrum der Hauptstadt startet, rechnen die Organisatoren mit einer Rekordbeteiligung. Die Eröffnungsansprache hält der international renommierte Dirigent Iván Fischer, der das Berliner Konzerthausorchester leitet.

"Heuer legen wir Augenmerk darauf, dass einzelne Gruppen sichtbar hervortreten, dass sie mit eigenen Transparenten erscheinen", erklärte Pride-Sprecherin Dominika Milanovich am Freitag. Das können lokale LGBT-Gruppen ebenso sein wie etwa sympathisierende Lehrer, die Initiative "Christen für Schwule" oder Zivilorganisationen mit anderen Schwerpunkten wie Flüchtlings- oder Obdachlosenhilfe. "In Ungarn ist nicht nur Homophobie ein Problem, auch andere Minderheiten wie Flüchtlinge oder Roma haben es schwer", meinte Milanovich.

10.000 Teilnehmer im vergangenen Jahr

Die Budapester Pride erfreut sich seit 2012 eines – für ungarische Verhältnisse – bemerkenswerten Zulaufs. Im vergangenen Jahr kamen an die 10.000 Menschen – neben Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen auch Bürger, die gegen das minderheitenfeindliche Klima im Lande demonstrieren wollten. Nicht nur Vertreter der rechtsextremen Jobbik-Partei hetzen in Ungarn gegen die Minderheiten, sondern auch Politiker der rechtspopulistischen Regierungspartei Fidesz.

Regierungschef Viktor Orbán meinte etwa neulich, bei einer Pressekonferenz auf das Thema Homophobie angesprochen, dass ihm dazu "Witze einfallen könnten", er aber zugleich den ungarischen Schwulen dankbar sei, dass "sie nicht provozieren". Der Budapester Oberbürgermeister István Tarlós gab sich noch unverblümter: "Das ganze Phänomen (der Homosexualität) ist widernatürlich und ekelhaft." Die Budapester Pride würde er am liebsten aus der Innenstadt verbannen und irgendwohin an den Stadtrand verlegen. Allerdings gebe es dafür keine juristische Handhabe, fügte er bedauernd hinzu.

Diskriminierungen allerorten

"Derartige Äußerungen sind verantwortungslos und verstärken nur die Homophobie in der Gesellschaft", so Pride-Sprecherin Milanovich. Homosexuelle seien in Ungarn damit konfrontiert, dass sie in staatlichen Institutionen, in der Arbeitswelt oder in der Schule Diskriminierungen erfahren können.

Doch die steigenden Teilnehmerzahlen der Pride signalisieren auch einen tieferen gesellschaftlichen Gegentrend. Hinzu kommen die "Coming-Outs" von Prominenten: So bekannten sich in letzter Zeit der Schauspieler János Kulka, der Theaterregisseur Róbert Alföldi, der Politologe Zoltán Lakner und der Start-up-Star und Gründer des IT-Unternehmens Prezi, Péter Árvai, offen zu ihrer Homosexualität. (Gregor Mayer aus Budapest, 11.7.2015)

Share if you care.