"1992": Wie Berlusconi an die Macht kam

11. Juli 2015, 09:00
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"Mani pulite" fegte ein korruptes System Italiens vor 23 Jahren hinweg – und bereitete den Boden für Schlimmeres – Eine Sky-Serie rekonstruiert

Wien – Mario Chiesa, Direktor des Altersheims Pio Albergo Trivulzio, will Bürgermeister von Mailand werden. Für den Job bringt er beste Voraussetzungen mit: Er sitzt sattelfest in der Partei, unterhält gute Kontakte zur Wirtschaft. Vor allem aber ist Mario Chiesa korrupt bis in die Knochen. Vom Industriellen Michele Mainaghi verlangt er zehn Prozent für die Vergabe von Reinigungsaufträgen. Dieser ist wenig erfreut und zeigt Chiesa an. "Aber nur weil er das Bestechungsgeld nicht zahlen kann, wegen der Krise", sagt der Polizist, der ihn observiert.

Als Chiesa sieben Millionen Lire Schmiergeld kassiert, schlagen die Beamten zu. Es ist der 17. Februar 1992 – und der Anfang eines Endes.

Die Aktion ist Teil der Ermittlungen des Staatsanwalts Antonio DiPietro und läuft unter dem Namen Mani pulite ("Saubere Hände"). Der Skandal geht als "Tangentopoli" in die Geschichtsbücher ein und ist jetzt Thema der zehnteiligen Serie 1992, produziert von Sky Italia und Beta, ab 11. Juli im Abosender Sky Krimi.

Durch die Verhaftung Chiesas kommen die kriminellen Machenschaften von Politik und Wirtschaft in Mailand und Rom ans Tageslicht. Alle Parteien sind verstrickt. Der damalige Premierminister Bettino Craxi kommt in einem Wust aus Bestechung und Parteienfinanzierung zu Fall. 1994 flüchtet er nach Tunesien. In Abwesenheit wird er zu 28 Jahren verurteilt. 2000 stirbt Craxi, ohne je in Haft gewesen zu sein.

Lire im Klo

Erzählt wird die Geschichte über den jungen Polizisten Luca Pastore (Domenico Diele). Die Festnahme Chiesas erlebt er gleich an seinem ersten Tag. Pastore erwischt den Politiker, wie der die Lire im Klo hinunterspülen will. "Gut gemacht", lobt sein Chef. "Die restlichen Scheine kannst du herausholen." Und geht. Ob der Frischling sich bereichert, wird er nicht sehen. Pastore ist persönlich involviert. Er hat Aids, infiziert wurde er durch eine verseuchte Blutkonserve von Mainaghis korrupter Pharmafirma.

Mehrere Handlungsstränge folgen grob den wahren Ereignissen, wobei Namen von realen Personen mitunter ausgetauscht und mit Raffinesse politische und ökonomische Klasse vermengt werden. Der Industrielle Mainaghi (Tommaso Ragno) trägt Züge Craxis. Ebenso wie der Premier verhilft Mainaghi seiner Geliebten zu einer Karriere beim Fernsehen.

Die nicht eindeutige Zuordenbarkeit mochte rechtliche Gründe haben. Für Umberto Bossi galten sie offenbar nicht. Wie die Rechtspopulisten von dem Skandal profitieren, stellt die Figur des enttäuschten Golfkriegsveteranen Pietro Bosco (Guido Caprino) dar. Aus Zorn auf die Verhältnisse (und aus gekränkter Eitelkeit) wird er Kandidat der Lega Nord und lässt sich von Bossi (Guido Buttarelli) feiern. Später sieht man, wie die Partei Verunsicherung und Empörung der Bevölkerung für sich nutzt und aus dem italienischen Parlament einen Affenzirkus macht.

Alessandro Fabbri, Ludovica Rampoldi, Stefano Sardi und Nicola Lusuardi haben die Serie geschrieben. Regisseur Giuseppe Gagliardi setzt auf einen reduzierten Stil, dem es um die richtige Dosis von Fiction und Fakten geht. Die Idee zu 1992 hatte Stefano Accorsi. Er spielt den Werbeprofi Leonardo Notte, eine Art Italo-Don-Draper – genialer Kopf und Latin Lover. Er soll einen Großkonzern aus der Krise führen. Wie das geht, zeigt er einem konservativen Firmenboss. Mit knackigen Mädels und eindeutigen Angeboten: "Hey, du bist ein Mann, zeig's mir, wie man's macht."

Medienverblödung

Zu sehen ist, wie Italiens Medien zur Verblödungsmaschine verkommen: das Fernsehen mit unsäglichen Shows, die reißerische Presse, denen in jenen Tagen ein in Mailand gesichtetes Wildschwein wichtiger ist als alles andere. Keine Politserie – nicht Borgen, nicht House of Cards – kann mit Haarsträubenderem aufwarten. Zusammen werden unrettbar scheinende Verhältnisse in Italien vor der Jahrtausendwende freigelegt. Sie zeigen letztlich, wie Silvio Berlusconi an die Macht kommen konnte. 1992 sei das Jahr, "in dem der Kampf gegen Korruption eine korrupte politische Klasse hinwegfegte – und den Weg freimachte für eine noch korruptere", sagt der Regisseur Gagliardi.

2010 wird Berlusconi den rechtskräftig verurteilten Craxi zum "Justizopfer" erklären. Noch heute sind in Italien Straßen und Plätze nach Craxi benannt. (Doris Priesching, 11.7.2015)

Zehn Teile, ab Samstag auf Sky.

  • Der Bestechungsskandal machte die Lega Nord stark. Mit ihr kam es zu Turbulenzen im italienischen Politsystem. Guido Caprino (re.) als stimmenstarker Rechtspopulist in "1992", ab Samstag im Abosender Sky Krimi.
    foto: stefano c. montesi

    Der Bestechungsskandal machte die Lega Nord stark. Mit ihr kam es zu Turbulenzen im italienischen Politsystem. Guido Caprino (re.) als stimmenstarker Rechtspopulist in "1992", ab Samstag im Abosender Sky Krimi.

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