Zeidler: "Es gibt Prinzipien und einen roten Faden"

Interview11. Juli 2015, 11:52
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Peter Zeidler, der neue Trainer Red Bull Salzburg will seine Handschrift ohne Sparstift erkennbar machen und lehnt Jammern generell ab

STANDARD: Wie waren die ersten Eindrücke von der Mannschaft?

Zeidler: Sie ist sehr dizipliniert, sehr professionell. Es macht Freude, mit ihr zu arbeiten, die Spieler identifizieren sich mit Red Bull Salzburg. Meinem Trainerteam und mir geht es zunächst darum, Beziehungen aufzubauen, das funktioniert über Gespräche, da entstehen Energien. Auf dem Platz müssen wir das Gleiche denken, das Gleiche wollen.

STANDARD: Es schaut so aus, als würde Red Bull bei Salzburg zumindest sanft den Sparstift ansetzen. Stimmt der Eindruck?

Zeidler: Dem ist nicht so. Ich weiß, der Eindruck könnte entstehen. Natürlich ist Leipzig wichtig. Aber Salzburg hat zuletzt zweimal das Double gewonnen, mit teilweise perfektem Fußball, der Stellenwert bleibt hoch. Wichtige Spieler sind gegangen, es ist müßig, alle aufzuzählen. Soll ich weinen, dass Sabitzer jetzt in Leipzig ist? Dafür sind andere gekommen. Das Gerüst, ich denke an Hinteregger, Ulmer, Leitgeb, Schwegler oder Soriano, ist geblieben. Es ist eine neue Herausforderung, das macht die Sache noch interessanter.

STANDARD: Können Sie die Entscheidung Ihres Vorgängers Adi Hütter nachvollziehen? Er hat aufgehört, weil er nicht einen Ausbildungsverein trainieren wollte. Sinngemäß hat er gesagt, dass Versprechen nicht eingehalten wurden. Was wurde Ihnen versprochen?

Zeidler: Ich kann nicht in Adi Hütter reinschauen. Versprechen ist ein großes Wort. Es ist mit den Verantwortlichen Christoph Freund und Jochen Sauer eine neue Konstellation gegeben. Wir wollen die Mannschaft entwickeln, jeden Einzelnen verbessern.

STANDARD: Also ist Red Bull Salzburg jetzt ein Ausbildungsverein? Das ist völlig wertfrei gemeint.

Zeidler: Ich weiß, dass es durch den Blätterwald rauscht. Es geht um die Definition des Begriffs Ausbildung. Ich spreche von Entwicklung. Das ist immer und überall die Hauptaufgabe eines Trainers. Das war unter Roger Schmidt so, das war unter Adi Hütter so, das wird auch unter mir so sein. Ich will ein Team aufbauen, das einen stimmigen, erfolgreichen Fußball praktiziert.

STANDARD: Die Philosophie, die Art zu spielen, ist vom Konzern vorgegeben. Darf sich unter Zeidler etwas ändern? Lässt dieses Korsett überhaupt Freiheiten zu?

Zeidler: Sie nennen es Korsett, ich sage, es gibt Prinzipien und einen roten Faden, mit denen ich mich zu einhundert Prozent identifiziere. Es gibt einen Plan, auf den man zurückgreifen, den man erweitern kann. Was sind die neuesten Methoden in physiologischer Hinsicht? Wie schaut es mit der Belastungsstruktur aus? Wie kann die Videoarbeit optimiert werden? Da können wir uns inhaltlich mit Leipzig austauschen.

STANDARD: Gibt es einen Wiedererkennungswert unter Zeidler?

Zeidler: Ich hoffe. Es ist der Wunsch jedes Trainers, dass die Mannschaft seine Handschrift trägt. Man soll sagen, Red Bull Salzburg spielt unter Zeidler erfrischend, erfolgreich und vor allem gemeinsam.

STANDARD: Sie sind mit 52 Jahren der älteste Trainer in der Bundesliga – abgesehen von Ernst Baumeister, der bei der Admira allerdings nur teilverantwortlich ist. Ist es ein Trend, dass die Coaches immer jünger werden?

Zeidler: Mag sein. Trotzdem bin ich noch völlig unverbraucht. Da ich neben meiner universitären Ausbildung zum Lehrer bei Fußballklubs zunächst im Nachwuchs gearbeitet habe, mangelt es nicht an Erfahrung. Unverbraucht und erfahren ist keine schlechte Mischung. Dass die Trainer jünger werden, hängt sicher auch mit der sich verändernden Gesellschaft zusammen. Nehmen wir nur die Digitalisierung her, taktische Zusammenhänge erkennt man vor allem mithilfe des Computers. Wobei immer noch entscheidend ist, wie die sozialen, persönlichen Beziehungen sind.

STANDARD: Ist es von Vorteil, als Trainer eine pädagogische Ausbildung zu haben?

Zeidler: Ja, aber mittlerweile sind die Trainerausbildungen in Österreich oder Deutschland sehr gut, und sie werden immer besser.

STANDARD: Sie haben fast 20 Jahre an einem Gymnasium bei Stuttgart Französisch und Sport unterrichtet. Mochten Sie lieber die aufmüpfigen oder die angepassten Schüler? Und wie schaut es bei Fußballern aus?

Zeidler: Ich möchte, dass mir Schüler wie Spieler in respektvoller Form ihre Meinung sagen, junge Menschen sollen sich zu Persönlichkeiten entwickeln. Aber das Wichtigste ist, dass der Trainer oder Lehrer die Spieler oder Schüler mag, dass er sie ins Herz schließt. Natürlich gibt es unterschiedliche Ausprägungen. Dass ich die Spieler oder Schüler mag, hat aber nichts damit zu tun, dass ich sie in der Sache und bei Fehlverhalten hart kritisieren kann.

STANDARD: Kann man eine Fußballmannschaft mit einer Schulklasse vergleichen? Bei beiden gibt es eine Hierarchie, die einen haben einen Kapitän, die anderen einen Klassensprecher, der Cheftrainer ist quasi der Klassenvorstand.

Zeidler: Es gibt sicher Parallelen. Ich will nicht, dass man auf Kosten eines Spielers lacht, ich brauche aber auch keinen Klassenkasperl in der Mannschaft. Mit den Schwächen eines Mitspielers muss man leben und versuchen, diese auszubügeln. Das verstehe ich unter einer stimmigen, gesunden Struktur. Im Fußball ist das Miteinander noch wichtiger als in der Schule. Du kannst nur gemeinsam siegen. Bei der Matura kriegt jeder seine eigene Note, da ist der Gemeinschaftserfolg egal.

STANDARD: Wie definieren Sie Erfolg im Fußball, also jetzt in Salzburg?

Zeidler: Es müssen Fragen beantwortet werden: Wo stehen wir in der Tabelle? Wie weit kommen wir in Europa? Wie treten wir auf? Können wir mehr Chancen kreieren als der Gegner? Schlussendlich zählen die nackten Zahlen. Passen sie, hast du Erfolg,

STANDARD: Können Sie das Jammern über die angebliche Schwäche der Liga nachvollziehen?

Zeidler: Überhaupt nicht. Ich habe eine ganz gegensätzliche Auffassung. Schaut einmal eure Nationalmannschaft an. Die ist der Beweis, dass das Jammern falsch ist.

STANDARD: Aber sie besteht nahezu ausschließlich aus Legionären.

Zeidler: Klar, aber die kommen aus Österreich. Es ist Zeit, mehr Selbstvertrauen an den Tag zu legen, das meine ich wirklich so. Es gibt eine gute Trainerausbildung, gute Akademien, gute Spieler. Die Liga kann natürlich nicht das Niveau von großen Ligen erreichen, weil jeder junge, begabte Österreicher das Ziel hat, ins große Ausland zu wechseln.

STANDARD: Ergänzen Sie: Salzburg wird Meister, weil ...

Zeidler: ... ich weiß, dass wir gut zusammenarbeiten, dass wir den längsten Atem haben. Und weil wir großen Respekt vor der Konkurrenz haben.

STANDARD: Salzburg kommt endlich einmal in die Champions League, weil ...

Zeidler: ... weil es im Leben immer wieder vorkommt, dass aus Träumen Realität wird. Aber wir sind gut beraten, uns nicht auf diese Sache zu fokussieren. Wir müssen uns Tag für Tag steigern, der Rest ergibt sich oder auch nicht. (Christian Hackl, 11.7.2015)

Zur Person:

Peter Zeidler (52) aus Schwäbisch-Gmünd, hat bei RB Salzburg einen Vertrag bis Juni 2017. Stationen zuvor: VfB Stuttgart, Nachwuchs (ab 1984), SV Tübingen (Spielertrainer/1993-1996), TSV Bobingen (Spielertrainer/1996-1998), Stuttgart II (Co-Trainer/1998-2000), Aalen (Co-Trainer/2000-2002), Aalen (2002-2004), 1. FC Nürnberg II (2005- 2007), Stuttgarter Kickers (2007), Hoffenheim (Co-Trainer/2008-2011), Tours FC (2011-2012), Liefering (2012-2015).

  • Zeidler sieht sich "unverbraucht", es mangle aber "nicht an Erfahrung".  Taktische Zusammenhänge erkenne man mithilfe des Computers, doch  entscheidend bleibe, "wie die sozialen Beziehungen sind".
    foto: apa/gindl

    Zeidler sieht sich "unverbraucht", es mangle aber "nicht an Erfahrung". Taktische Zusammenhänge erkenne man mithilfe des Computers, doch entscheidend bleibe, "wie die sozialen Beziehungen sind".

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