Mathieu Amalric: "Man weiß nie, ob die richtige Person antwortet"

Interview12. Juli 2015, 09:00
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In der Literaturverfilmung "Das blaue Zimmer" gerät eine heimliche Liebe außer Kontrolle. Der Regisseur und Schauspieler Mathieu Amalric über tragische Schuld und das Begehren bei Georges Simenon

Wien – Liebende sind rücksichtslos. Davon erzählt jede Amour fou, auch jene in Mathieu Amalrics Verfilmung von Georges Simenons Das blaue Zimmer (La chambre bleue). Ob die Interessen von Mann und Frau deshalb schon dieselben sind, lässt sich jedoch nicht so einfach beantworten. Amalric erzählt eine Geschichte mit mörderischen Auswirkungen in kunstvoll verschachtelten Rückblenden. Die Hintergründe bleiben lange ungewiss. Der französische Schauspieler, der in seiner vierten Regiearbeit die Rolle von Julien, dem Liebhaber, auch selbst übernimmt, hält sich eng an die Struktur der Vorlage, verlegt sie jedoch aus den frühen 1960er-Jahren in die Gegenwart.

STANDARD: "Das blaue Zimmer" von Georges Simenon stammt aus dem Jahr 1964 und erzählt von einer verhängnisvollen Liebe mit fatalen Konsequenzen. Wie kommt man auf die Idee, gerade diesen Roman zu adaptieren?

Amalric: Es begann eigentlich nicht mit einer Idee, sondern damit, dass Produzent Paolo Branco mir sagte: "Schreib etwas, mach einen Film, und zwar schnell!" Er sagte, er könne mir drei Wochen geben. Wir haben den Film dann in fünf Wochen realisiert.

STANDARD: Das ist wirklich kurz!

Amalric: Mehr Zeit hätten wir gar nicht benötigt. Ich kenne das Buch schon lange. Was mich daran immer fasziniert hat, ist das Spiel mit den unterschiedlichen Zeitebenen. Als Leser weiß man nie, was real und was möglicherweise nur eingebildet ist.

STANDARD: Bei Simenon haben Frauenfiguren oft etwas Dämonisches. Wie lässt sich das mit einem moderneren Bild vereinbaren?

Amalric: Das ist die Krankheit von Simenon. Er bestraft sich selbst für sein Begehren: Er peitscht sich selbst dafür aus. Die Figur bekommt, was sie verdient. Ich habe gemeinsam mit Stéphanie Cléau (Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin, Anm.) versucht, diese Tendenz etwas abzuändern: Im Film gehen Julien und Esther Hand in Hand in diese Leidenschaft, auch wenn es immer noch der Mann ist, der zu widerstehen versucht. Mir gefiel diese Dynamik von heiß und kalt: Einerseits ist da das Geheimnis einer körperlichen Anziehung, ein Umfeld existiert nicht mehr. Das ist das Heiße. Das Kalte kommt mit der Analyse danach.

STANDARD: Wobei es weniger um die Frage nach dem Schuldigen geht wie beim klassischen Detektivfilm.

Amalric: Simenon schreibt nicht, wen die Schuld trifft. Im Film sagen wir das zwar auch nicht, aber wir liefern eine Hypothese. Es war uns wichtig, subtil vorzugehen. Es hat Spaß gemacht, sich das Publikum nach dem Kinobesuch vorzustellen: "Erinnerst du dich daran, dass sie diese Schachtel in der Apotheke in die Hand nahm?" Vieles von diesem Spiel wird natürlich erst durch den Schnitt hergestellt: Es sollte nicht immer ganz klar sein, an welcher Stelle der Geschichte eine Szene stattfindet. Dadurch wurde es auch möglich, Julien auf andere Weise auf Esther blicken zu lassen.

STANDARD: Der Roman ist ja vor allem durch die Mehrdeutigkeit von Sprache gekennzeichnet. Wie übersetzt man dies in Bilder, ohne es eindeutiger zu machen?

Amalric: Ich hatte das Gefühl, dass gerade das Kino diesem auf Dialoge und innere Reden konzentrierten Roman etwas Spezifisches hinzufügen kann. Im Film gibt es dieses Kaleidoskop verschiedener Elemente, des Tons, der Stimmen, der Stille und der Struktur der Erzählung. Ich konnte mir lange keine Musik vorstellen, weil für mich die Stimmen und die Fragen wie Musik waren – dieses Voice-over, das auch eine Übertretung ist, weil es die Intimität des Paares zerstört. Im Zimmer sind sie ja immer zu zweit. Sie glauben, dass sie da im Geheimen sind.

STANDARD: Eine Art Kreuzverhör, das die Bilder beeinträchtigt?

Amalric: Genau, Ton und Bild sollten sich ständig beißen – auf ähnliche Weise, wie Esther Julien beißt. Das Ziel war, den Zweifel im Zuschauer zu wecken – was man sieht, ist vielleicht nicht das Reale. Vielleicht ist es nur die nachträgliche Rekonstruktion der Erinnerung von Julien. Der Albtraum des Films besteht darin, dass man sich nur im Kopf dieses Mannes befindet. Man ist nie in Esthers Kopf, auch nie in dem seiner Frau. Es ist immer nur er, der projiziert und sich abmüht.

STANDARD: Wie in der TV-Serie "True Detective" formen dann erst die Abweichungen den Suspense?

Amalric: Ich dachte an eine Partie Billard, bei der man nie weiß, ob die richtige Person antwortet. Die Zeit-Raum-Achse gerät völlig durcheinander. Das hat mir den größten Spaß gemacht! Außerdem ist die Sprache Simenons in vieler Hinsicht veraltet – was sich etwa über deutsche Untertitel gar nicht vermitteln lässt. Wir haben sie dennoch beibehalten, nicht um den Film zu verfremden, sondern weil sie ihm etwas Zeitloses hinzufügt. Die Figuren erhalten dadurch etwas Archaisches. Sie wirken wie Helden aus einer anderen Zeit.

STANDARD: Warum haben Sie sich für ein fast quadratisches Bildformat entschieden? Eine Referenz auf den Film noir?

Amalric: Ich hatte das Gefühl, der Schreibstil von Simenon hat etwas sehr Quadratisches. Die Figuren sind immer ein wenig fern voneinander. Bei diesem Bildformat muss man mit der Kamera größere Entfernungen eingehen, man sieht auch mehr vom Körper. Der Film sollte nicht harmonisch sein, die Kamera durfte die Körper nie liebkosen. Die Einstellungen sollten eher wie Blitze sein, Fleischteile, die man auseinanderhackt – wie bei einem Verbrechen! (Dominik Kamalzadeh, 11.7.2015)

Ab 17. 7.

Mathieu Amalric (49) arbeitet seit den 90er-Jahren als Film- und Theaterschauspieler. Mit "Mange ta soupe" drehte er 1996 sein Regiedebüt. Für "Tournée" (2010) erhielt er beim Festival von Cannes den Regiepreis.

  • Die Liebe kann alles zerstören und ein Mann eines Verbrechens angeklagt werden, dessen er sich nicht bewusst ist: Delphine (Léa Drucker) und Julien (Mathieu Amalric) als Ehepaar in "Das blaue Zimmer".
    foto: filmladen

    Die Liebe kann alles zerstören und ein Mann eines Verbrechens angeklagt werden, dessen er sich nicht bewusst ist: Delphine (Léa Drucker) und Julien (Mathieu Amalric) als Ehepaar in "Das blaue Zimmer".

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