"Jeder Bürgermeister ein kleiner Bildungsminister"

Interview11. Juli 2015, 12:00
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Erziehungswissenschafter Andreas Paschon erklärt, warum studierte Kindergärtnerinnen kein Luxus und Kinder keine Möbel sind

STANDARD: Die Familienministerin sagt, nicht jeder Tischler muss akademisch ausgebildet sein. Sie münzt das auf die Forderung vieler Experten, der Weg zum Beruf der Kindergartenpädagogin solle übers Studium führen. Was kontern Sie?

Paschon: Das ist die Meinung der Frau Minister. Die teile ich nicht. Ganz im Gegenteil. Mir ist wichtig, dass wir nicht das Baumaterial Holz mit unserer gesellschaftlichen Ressource der Zukunft – den Kindern – vergleichen. Da gibt es doch noch einmal einen qualitativen Unterschied, wen man hier wie formt. Es entstehen in diesem Prozess ja auch keine Möbel, sondern erwachsene Menschen.

STANDARD: Warum ist für Kinder eine studierte Pädagogin – weit über 90 Prozent sind Frauen – so wichtig?

Paschon: Die Professionalisierung dieses Berufsfeldes ist kein Luxus der Gesellschaft, es ist die Basis. Angehende Kleinkindpädagoginnen erlernen im Studium Dinge, die eine Bakip (Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik, Anm.) nicht vermitteln kann. Nicht weil es eine schlechte Schule ist. Aber ihre Schülerinnen sind in der Regel zwischen 15 und 20 Jahre alt. Wer selbst noch im Loslösungsprozess von den Eltern steht, wer selbst entwicklungspsychologisch in einer Umbruchphase ist, der tut sich schwer mit einem gelingenden Elterngespräch und dem Einsatz von entwicklungspsychologischen Erkenntnissen an der Schnittstelle Elternhaus/ Kindergarten. Das ist nichts gegen die Bakips, ein Studium soll darauf aufbauen, nicht Ersatz sein.

STANDARD: Wer soll studieren: nur die Leiterinnen oder alle?

Paschon: Man muss mit den Führungskräften anfangen und sich nach unten arbeiten. Wir können ohnehin nicht mit einem Schlag 40.000 Personen – das ist etwa die Größenordnung, von der wir sprechen – in einem Aufwischen mit neuen Kompetenzen ausrüsten. Es gilt, mit den besonders Engagierten anzufangen, die als Multiplikatorinnen fungieren. Mittel- und langfristig muss jede Pädagogin – auch im Elementarbereich – in den Genuss einer akademischen Ausbildung kommen.

STANDARD: Verstehen Sie die Befürchtung, die Praxis könnte beim Studium auf der Strecke bleiben?

Paschon: Es ist wichtig, dass die entstehenden Lehrgänge einen bestimmten Praxisanteil haben und mit Leuten arbeiten, die aus der Praxis kommen. Es geht nicht darum, den Kindergarten zu verkopfen.

STANDARD: Gibt es überhaupt genug fachliches Personal, um die akademische Ausbildung voranzutreiben?

Paschon: Einige der seit rund einem Jahr in den Bachelor- und Masterfächern Studierenden könnten natürlich weiterforschen, in Richtung Doktorat oder Professur arbeiten. Das wird es auch brauchen, um die Forschung in diesem Bereich anzukurbeln. Andere könnten zurück in die Bakip gehen und dort selbst als akademisch gebildete Lehrkräfte die neuen Erkenntnisse einbringen. In Salzburg bilden wir im laufenden Universitätslehrgang 25 Leute zu potenziellen Multiplikatoren aus, damit diese in zwei, drei Jahren angefragt werden können, um in den Pädagogischen Hochschulen eine zielgruppenorientierte Elementarpädagoginnenausbildung auf dem aktuellsten Wissensstand voranzutreiben. Was wir nämlich nicht gut finden: wenn diejenigen, die bisher für die Ausbildung der Grundschullehrerinnen zuständig waren, künftig einfach die Ausbildung der Elementarpädagoginnen noch mit dazunehmen. Es ist schon wichtig, dass das Leute machen, die genuin aus dem Kindergartenbereich kommen und ihr Wissen akademisch vertieft haben.

STANDARD: Ist das Kritik an der neuen Pädagoginnenausbildung?

Paschon: Die ist auf halber Strecke stehengeblieben, nämlich dort, wo es darauf angekommen wäre, den Kindergarten und die Elementarpädagogik als solche ins Konzept aufzunehmen. Dort wäre es wichtig gewesen, das Bildungssystem vom Anfang bis zum Ende durchzudenken und zu sagen: Auch die künftigen Kindergartenpädagoginnen sollen Teil des Berufsstandes der Pädagoginnen sein, und sie werden auch an den Pädagogischen Hochschulen oder Universitäten ausgebildet. Auch wenn das Geld kostet. Wir haben mit unserem Lehrgang für die Politik vorgearbeitet, damit diese schon bald Ressourcen vorfindet, auf die sie später zurückgreifen kann. Momentan kann man als bildungspolitischer Verantwortungsträger immer noch sagen: "Die, die wir brauchen, gibt es ja gar nicht."

STANDARD: Wird die Politik diese Ressource auch nutzen?

Paschon: Wenn man bedenkt, dass die Pädagoginnen selbst aus eigener Motivation und dem Gefühl der Notwendigkeit hineindrängen in diese Lehrgänge – nicht weil sie dadurch besser bezahlt werden oder weil ein Träger sie dazu drängt, sondern weil sie selbst bildungshungrig sind und Geld aufbringen müssen, um sich an aktuellen Forschungserkenntnissen zu orientieren: Ja, ich denke, es wäre bildungspolitisch ein fatales Signal, auf dieses Selbstbildungsangebot nicht zu reagieren.

STANDARD: Das Problem ist doch: Am Ende geht's ums Geld. Besser gebildete Pädagoginnen kosten. Wie lässt sich das lösen?

Paschon: Unser Hauptproblem ist dieses Kompetenzwirrwarr mit Zuständigkeiten von Bund, Ländern und Gemeinden. Das macht es schon schwierig, wenn jeder Bürgermeister ein kleiner regionaler Bildungsminister ist. Wenn diese Verantwortungsträger dann große pädagogische Projekte und höchst dringliche Umgestaltungsprozesse mittragen sollen, die ihnen zunächst einmal fremd sind, reduziert sich die Diskussion schnell auf den Spargedanken. Bundesweite Abkommen wären sehr hilfreich bei der Festlegung von Qualitäts- und Ausbildungsstandards. Solange wir in diesem Klein-Klein bleiben, bleibt das sehr provinziell. Österreich verspielt eine wichtige Chance. Es ist selbstverständlich nicht alles schlecht, aber es hilft halt auch nichts, wenn wir bei internationalen Studien mit jeder Messung feststellen, dass rund ein Viertel der 15-Jährigen kaum sinnerfassend lesen kann. Alle Studien zeigen: Wir müssten am Anfang der Bildungskarriere investieren, bei den Kleinsten. Jeden Euro, den wir dort sparen, bezahlen wir nach Jahren x-fach ...

STANDARD: ... das sagt die Regierung auch unisono. Spüren Sie diese Erkenntnis in der täglichen Praxis?

Paschon: Leider noch nicht. Aber wir spüren es als Steuerzahler auf lange Sicht im nationalen Geldbörsel, wenn sich nicht bald etwas grundlegend ändert zugunsten der Elementarpädagogik. (Karin Riss, 11.7.2015)

Andreas Paschon (48) ist stellvertretender Fachbereichsleiter Erziehungswissenschaft an der Universität Salzburg. Seit 2012 ist er Vorsitzender der Sektion Elementarpädagogik in der Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen.
  • Die Kindergärtnerin von morgen könnte etwas professionellen Schwung in der Ausbildung benötigen.
    foto: reuters/pfaffenbach

    Die Kindergärtnerin von morgen könnte etwas professionellen Schwung in der Ausbildung benötigen.

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