John Lydon: Ein heiterer Zyniker

Porträt11. Juli 2015, 17:00
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John Lydon verkörperte als Johnny Rotten das Phänomen Punk. Mit knapp 60 veröffentlicht er "Anger is an Energy". Eine Autobiografie voll Schrecken und Genugtuung, von den Sex Pistols bis zur Butterwerbung

Einer der denkwürdigsten Romane der letzten 20 Jahre beginnt so: "Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum. Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit." Geschrieben von Frank McCourt im Bestseller Die Asche meine Mutter.

John Lydons Memoiren erinnern mitunter an McCourts tragikomischen Aufzeichnungen. Lydons Autobiografie heißt Anger is an Energy. Bekannt wurde er als Johnny Rotten. Als solcher stand er ab 1975 der britischen Band The Sex Pistols als Sänger vor. Auf Richard Bransons Label Virgin Records erschien 1977 ihr epochales Debüt Never Mind the Bollocks Here's the Sex Pistols. Trotz eines weitreichenden Handelsboykotts stieg das Album von null auf Nummer eins der Charts. Elvis war eben erst gestorben, schon lag der Geruch der Revolution wieder in der Luft. Songs wie Anarchy in the UK oder God Save the Queen knallten wie Schläge ins Gesicht des britischen Establishments. Johnny Rotten beschimpfte das Regime als faschistisch, nannte sich selbst einen Anarchisten und Antichristen. Entsprechend waren die Reaktionen: Der Boulevard stürzte sich geifernd auf die Band, die Polizei observierte und schikanierte Rotten als ihr Aushängeschild. Das "System" nennt dieser seit damals "Shitstem".

Heute steht John Lydon als einer der Erfinder des Punk in den Geschichtsbüchern. Die Haltung des Punk pflegt er in Form anhaltender Renitenz immer noch. Im Jänner wird der Mann 60. Das ist ein gutes Alter, um zurückzublicken. Im Falle Lydons auch, um sich zu wundern, dass er tatsächlich so alt geworden ist. Schließlich hat er kaum etwas von dem ausgelassen, was dem Rock-'n'-Roll-Lebensstil seine negative Reputation einbrachte. Doch schon bevor er als Johnny Rotten der Welt in den Hintern trat, wurde es existenziell ein paarmal knapp für ihn. Denn eine unglückliche irische Kindheit kann einen auch im Norden Londons ereilen.

Tod und Krankheit

Dort kam John Joseph Lydon 1956 als Sohn ausgewanderter Iren zur Welt. Die Familie wohnte in einem Sozialslum, war arm, aber stolz, immer durstig, manchmal hungrig. Dazu gesellten sich Tod und Krankheit als regelmäßige Besucher. Einmal musste John seinen toten Großvater identifizieren, der beim Geschlechtsverkehr mit einer Prostituierten über eine Treppe stürzte und starb. Ein anderes Mal war Klein John allein bei seiner Mutter, als sie eine Fehlgeburt erlitt: "Es ist wirklich kein Spaß, einen Eimer mit einer Fehlgeburt – man sieht kleine Finger und so Sachen drin – zum Außenklo zu tragen und runterzuspülen." Da war er keine sechs Jahre alt.

Kurz nach dem Schuleintritt erkrankte er an Meningitis. Infiziert hatte er sich beim Spielen, beim Urin von Ratten. John lag mehrere Monate im Koma, er halluzinierte und musste qualvolle Untersuchungen überstehen: "Ich schrie vor Angst. Wenn sie die Nadel unten in die Wirbelsäule stachen, war das überaus schmerzhaft, und man konnte es den ganzen Rücken hoch bis zum Kopf spüren, wenn sie die Flüssigkeit raussaugten." Seinen irren Blick führt er auf diese Behandlungen zurück. Als er aus dem Spital entlassen wurde, erschwerte eine Amnesie die Rückkehr in den Alltag, sogar den eigenen Eltern gegenüber war er mangels Erinnerung misstrauisch. In der Schule fiel er zurück, er galt als Sonderling, was den Samen eines Außenseitertums säte, der in ihm einen dankbaren Wirtskörper fand.

Kommt ein Doppler geflogen

Anger is an Energy ist eine Sammlung eruptiver Rückblicke auf ein wildes, abwechslungsreiches Leben im Legendenstatus. Den brachten ihm die kurzlebigen Sex Pistols ein, gefestigt und ausgebaut hat er ihn mit der Band Public Image Limited, kurz PIL, einer einflussreichen Postpunkband, die mit Unterbrechungen bis heute aktiv ist und die Lydon als sein Lebenswerk betrachtet. Mit PIL veröffentliche er Meisterwerke wie Metal Box, Album sowie den Hit This Is Not a Love Song. Das war 1983 und ein Zufall. Im Zusammenhang mit PIL kommt Wien im Buch zu Ehren, denn 1986 musste die Band ihr Konzert auf der Donauinsel abbrechen, nachdem der Gitarrist John McGeoch von einem aus dem Publikum geworfenen Doppler am Kopf getroffen wurde. "Er musste mit ungefähr 40 Stichen genäht werden", memoriert Lydon und verortet den Schuldigen in den Reihen der Vorgruppe.

Seinem Wesen entsprechend springt Rotten durch seine Biografie, an einer linearen Chronologie liegt ihm wenig, oft fehlt einfach die Erinnerung. Er erzählt Anekdoten aus der Zeit, die er im Umfeld der jungen Vivienne Westwood verbracht hat. Seine anhaltende Neigung für exzentrische Outfits ist ihr geschuldet, gut kommt sie dennoch nicht weg. Auch nicht Malcolm McLaren, der Erfinder der Sex Pistols.

Er schlägt Haken zum Bootfahren in seiner Wahlheimat Kalifornien, springt zurück zu Jugenderinnerungen mit Sid Vicious, zu den Problemen mit PIL, zu seiner Frau Nora Forster, ihren Enkelkindern, nach Jamaika, zum Reggae, ins Reality-Fernsehen – und wie sich das alles auf sein Leben und die Kunst auswirkt.

Gebisse einsammeln

Diese Sprunghaftigkeit zeitigt Widersprüche, verleiht den Aufzeichnungen aber Verve, die die stellenweise ziemlich piefkinesische Übersetzung egalisiert. Widersprüche mag er, die kostet er aus. Der 1979 an einer Überdosis gestorbene Bassist der Pistols, Sid Vicious, ist für ihn Genie und widerlicher Junkie zugleich. Kalt-warm erwischt es viele Wegbegleiter. Auch die Beziehungen zu späteren Mitstreitern wie Jah Wobble oder Keith Levene pendeln zwischen Zuneigung und Verachtung. Lydon zeichnet sich als heiteren Zyniker. Er verachtet Sport, Religion, Politik und die Rock and Roll Hall of Fame. Als die Sex Pistols dort 2006 Aufnahme fanden, schrieb er einen Brief, in dem er die Hall als Pissfleck beschimpfte. Die Band blieb der Zeremonie geschlossen fern, Lydons Brief ist heute im Museum der Hall of Fame ausgestellt.

Möglicherweise hat John Lydon ein großes Herz, doch die Schale darüber ist stählern, sein Wesen misstrauisch. Dennoch versucht er, sich als Philanthrop zu positionieren. Er habe nie Menschen angegriffen, bloß Institutionen. Er gibt sich prinzipientreu und streng, was seine Umgebung im richtigen Leben wahrscheinlich ebenso nervt, wie es dem Buch phasenweise gelingt. Aber gut, Punk kam nicht in die Welt, um ein Liebkind zu sein, Johnny Rotten sowieso nicht.

Der Rufname Rotten leitete sich vom Zustand seiner Zähne zu Zeiten der Sex Pistols ab. Ein ganzes Kapitel widmet er im Buch dem Thema Zähne, denn an Zahnpflege glaubte man bei Lydons zu Hause nicht. Wie es das englische Gesundheitssystem in den 1960ern propagierte, ließen sich seine Eltern alle Zähne reißen und mit einem falschen Gebiss ausstatten. Blöderweise bildete sich aber das Zahnfleisch zurück, was dazu führte, dass die Beißer verrutschten, wenn Mama und Papa Lydon lachten. Bei Partys der Eltern musste John die Gebisse der Gäste vom Boden einsammeln, wenn diese zu wild getanzt hatten. Noch heute muss ihn sein bester Freund John "Rambo" Stevens auf Tour zum Zähneputzen zwingen. Zu Hause mahnt das Nora Forster ein. Sie ist die große Konstante seines Lebens.

Butterwerbung und Reality-TV

Der Punk ist ihr seit über 40 Jahren treu. Forster ist die Tochter des verstorbenen Herausgebers des deutschen Tagesspiegel, Franz Karl Maier, und lernte Lydon 1977 in London kennen. Sie folgte ihm 1981 nach New York, später zogen die beiden nach Los Angeles, wo das Ehepaar heute lebt und sich um Forsters Enkelkinder kümmert. Forsters Tochter aus erster Ehe ist 2010 gestorben. Sie hieß Ariane, ihr Taufpate war Udo Jürgens, bekannt wurde sie als Ari Up, als Sängerin der Band The Slits.

Doch selbst Nora Forster ist manchmal nachlässig. Einer Nachlässigkeit verdanken sie und John ihr Leben. Denn die beiden waren für den Pan-Am-Flieger gebucht, in dem am 21. Dezember 1988 über dem schottischen Ort Lockerbie eine Bombe explodierte. Hätte Forster beim Kofferpacken nicht getrödelt, sie wären an Bord gewesen. Das macht den ärgsten Punk demütig.

Der beschäftigte sich in den letzten 15 Jahren mit Reunions der Sex Pistols und reanimierte PIL. Er nahm an Reality-TV-Shows im australischen Dschungel teil und übernahm eine Nebenrolle in einer dann doch nicht zustande gekommenen Jesus Christ Superstar-Revue. Er riskierte seine Gesundheit in schrägen Tierdokus oder warb für gutes Geld für britische Butter. Anhänger des strengen Ordens Punk kritisieren ihn für derlei Projekte, werfen ihm Ausverkauf vor. Ihnen entgegnet er: Egal was er macht, wenn er, John Lydon, es tut, ist es immer Punk. Punkt. (Karl Fluch, 11.7.2015)

John Lydon, "Anger is an Energy – Mein Leben unzensiert". Aus dem Englischen von Clara Drechsler, Harald Hellmann und Werner Schmitz. 656 Seiten, Heyne-Verlag

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    foto: der standard/balazs mohai

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    foto: der standard/ray stevenson

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  • ...und als Werber für britische Butter. Egal, was er macht, wenn er es tut, ist es immer Punk. Sagt er.
    foto: der standard/andy cantillon

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