"Alice im Wunderland": Sei, was du scheinst

15. Juli 2015, 11:47
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Wer träumt wen? Vor 150 Jahren erschien mit Lewis Carrolls "Alice's Adventures in Wonderland" ein Buch, das bis heute auf der ganzen Welt gelesen wird

Kaum ein Buch ist so wirkmächtig gewesen. Kaum eines, wohl mit Ausnahme der Bibel, der Harry-Potter-Romane und der fesselnden Erotika mit Mr. Grey, hat so viele Leserinnen und Leser gefunden, kaum eines, ausgenommen vielleicht Dantes Göttliche Komödie, war so folgenreich inspirierend.

Mit dem 150-jährigen Erfolg von Alice's Adventures in Wonderland war kaum zu rechnen. Denn zu wenig hat es, im Juli 1865 erstmals erschienen, mit seinem Entstehungszeitraum, dem Viktorianismus, zu tun. Auch nicht viel mit dem Rudern. Selbst wenn der Urnukleus dem 30-jährigen Pastorensohn und Mathematikdozenten am Oxforder Christ Church College Charles Lutwidge Dodgson, der sich als Autor Lewis Carroll" nannte – eine Übersetzung der Vornamen vom Englischen ins Lateinische und retour -, bei einem Ruderausflug kam.

In den ersten Julitagen 1862 war er mit einem Freund und den drei kleinen Töchtern des Dekans des College, an dem der stotternde Dodgson lehrte, mit Lorina, Edith und Alice Liddell, auf einem Fluss unterwegs. Im Februar darauf ergänzte er die damalige Tagebuchnotiz um den literarhistorisch bedeutsamen Nachsatz, er habe damals Alice eine Geschichte erzählt, Alice's Adventures UnderGround, die er nun für die Zehnjährige aufgeschrieben habe, es fehlten noch die Bilder. Die Bilder steuerte John Tenniel bei – 1998 brachte der Gerstenberg-Verlag erstmals den 1973 von Christian Enzensberger nachgedichteten Text mitsamt den kolorierten zauberhaften Bildern heraus.

Through the Looking-Glass, and What Alice Found There (Alice hinter den Spiegeln) von 1871 war die Fortschreibung. Alice wandert durch einen Wald und – Ferdinand de Saussure aus Genf, der Erfinder von Signifikat und Signifikant, war damals erst dreizehn Jahre jung – erlebt massive linguistische Irritationen. Die Dinge büßen ihre Namen ein, erst entgleitet die Welt, dann Alice sich selbst: "Then it really has happened, after all! And now, who am I?" Das letzte Kapitel heißt, wer hätte es geträumt: "Wer träumte wen?"

Alice im Wunderland ist so ein Vorläufer der selbstreferenziellen Magie eines Jorge Luis Borges oder Vladimir Nabokov und der Postmoderne. Denn selbstredend ist das vorgebliche Kinderbuch das Dokument einer Ambivalenz. Einer Spiegelung als Verzerrung. Einer Identitätsaufspaltung, die am Ende eine weitere Schraubendrehung erfährt, wenn Alice' Schwester das Traumabenteuer der wachen Alice weiterträumt.

Alice im Wunderland ist aber auch eine Satire. Auf die englische Gesellschaft im Großen, auf blutrünstige, aber lächerliche Monarchen, die bei Insubordination jeden stante pede köpfen wollen oder beim Gerichtsprozess fordern: erst Strafe, dann Urteil. Es ist aber auch eine Satire auf die Besonderheiten dieser akademischen Enklave namens Oxford. "The House" ist dort nicht ein Haus, sondern gemeint ist das College. Eine Generation nach Carrolls Tod 1898 setzten ebenfalls in Oxford ebenfalls zwei Hochschuldozenten an, ebenfalls spielerisch autarke Anderswelten zu erfinden. Der eine, C. S. Lewis, nannte die seine Narnia, der andere, J. R. R. Tolkien, kartierte Mittelerde.

Irrwitzig verdreht

Carrolls Welt war sanfter. Und irrwitzig verdrehter. Da gibt es die sich auflösende Grinsekatze, Flamingos als Krocketschläger, einen Greif, der hörbar der Unterschicht angehört, Karten-Gärtner, die eine weiße Rose rot anmalen, Schulfächer wie das Große Nabelweh, Rechtspeibung und Sprachelbeere, dazu Erdbeerkunde mit und ohne Schlag.

Angesichts epidemischer Missbrauchsfälle denkt man bei der Ausgangskonstellation in Alice wie bei vielen späteren Notaten Carrolls und seinem Hobby, der Kinderfotografie, an Pädophilie. Ein klein wenig vorschnell. Der am Oxforder Magdalen College lehrende Robert Douglas-Fairhurst erläutert in The Story of Alice: Lewis Carroll and the Secret History of Wonderland (Harvill Secker, € 28,-) neben vielem auch den Kult, der im Viktorianismus um ganz junge Mädchen getrieben wurde. Dass diese ästhetisierend-romantische Aufplusterung auch sexuelle Neutralisierung war, ist nur ein Teil im multiperspektivischen Aufklärungspuzzle. Wie sagt noch mal in Enzensbergers Übersetzung die hässliche Herzogin: "Scheine, was du bist, und sei, was du scheinst."

1932 wurde übrigens einer 80-jährigen Engländerin in New York von der Columbia University die Ehrendoktorwürde verliehen – nicht wegen akademischer Verdienste, sondern weil diese Mrs Alice Liddell Hargreaves einem Buch entsprungen war. Und Literatur wurde. 70 Jahre zuvor war sie mit einem Dozenten des Oxforder Christ Church College rudern. Er nannte seine Hauptfigur Alice. Und das unsterbliche Buch Alice im Wunderland. (Alexander Kluy, Album, 11.7.2015)

Lewis Caroll, "Alice im Wunderland". Deutsch von Christian Enzensberger. € 7,20 / 137 Seiten. Insel, Frankfurt/Main 1973

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    cover: insel verlag
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