Rastlose Denker aus einer rastlosen Stadt

Interview13. Juli 2015, 12:08
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Kaum ein Architekturbüro steht mehr für New York als Diller, Scofidio + Renfro. Ob der High Line Park oder das MoMA, immer bewegen sie sich an der Grenze von Kunst und Architektur. Elizabeth Diller erklärt, warum

Sie sind die Tausendsassas der Architektur: Bücher, Kunstinstallationen, Theater, und millionenschwere Museen wie das ICA in Boston oder die Erweiterung des Museum of Modern Art in New York. Weltberühmt machte das Büro Diller, Scofidio + Renfro aber ein Park: Der 2006 bis 2014 realisierte High Line Park auf einer aufgegebenen Bahntrasse in Manhattan wurde binnen kurzem zum heißgeliebten urbanen Treffpunkt mit Selfie-auf-dem-Laufsteg-Mehrwert und zum umstrittenen Kristallisationspunkt für den Immobilienboom in New York.

Ende Juni war Elizabeth Diller zu einem Vortrag an der Kunstuni Linz geladen. Mit dem STANDARD sprach sie über das alte und das neue New York, die Welt zwischen Kunst und Architektur und die Gefahr des Erfolgs.

STANDARD: Der High Line Park in New York, dessen dritter Abschnitt Ende 2014 eröffnet wurde, wurde sofort zu einem Riesenerfolg. Hat Sie das überrascht?

Diller: Ja. Wir hätten nie daran gedacht, dass der Park auch nur in New York selbst beliebt sein würde. Wir schätzten die Besucherzahl auf 300.000 pro Jahr. Im ersten Jahr waren es viermal so viel, und 2014 waren es sechs Millionen. Von der Resonanz in der Popkultur ganz zu schweigen: Sogar bei den "Simpsons" kam die High Line schon vor! Ich glaube, wir haben da einen Nerv getroffen, nicht nur lokal, sondern global.

STANDARD: Welcher Nerv ist das?

Diller: Es geht um nachhaltige Strategien, um neue Konzepte für die Reste, die wir hinterlassen. Und es gibt einen großen Wunsch nach mehr öffentlichem Raum, gerade in einer von digitalen Welten dominierten Zeit. Die Entwicklung, die die High Line lostrat, ging allerdings viel schneller voran, als wir es vermutet hatten.

STANDARD: Es wurde kritisiert, dass die High Line die Gentrifizierung voran- und die Immobilienpreise hochgetrieben hätte. War der Park also zu erfolgreich?

Diller: Ich fürchte, ja. Man fragt sich, ob zu viel Erfolg nicht auch schädlich sein kann. Wenn ein Stadtviertel in weniger als zehn Jahren von einer vergessenen, von Kriminalität geprägten Gegend zu einem der teuersten Immobilienstandorte in New York wird, dann muss man sich Sorgen machen. Allerdings wäre das auch ohne die High Line passiert. Schließlich waren dies die letzten Brachflächen in Manhattan. Wir haben selbst unser Büro dort und werden es uns wohl nicht mehr lange leisten können.

STANDARD: Viele andere Städte haben versucht, die Idee eines linearen, erhöhten Parks zu kopieren, und in New York selbst gibt es die Idee einer unterirdischen "Low Line": Lässt sich das Erfolgsrezept so einfach kopieren?

Diller: Es ging uns vor allem darum, dass man die Stadt auf neue Art erfährt. Die High Line war eine stillgelegte, abbruchreife Bahntrasse voller Heroinspritzen und kaputter Möbel. Ein schwarzes Loch, eine Gegend voller Melancholie. Wir haben versucht, etwas von diesem New Yorker Charakter, dieser Rauheit zu bewahren. Der Erfolg hat also mit dem zu tun, was schon da war. Andere Städte müssen ihre eigenen Qualitäten finden.

STANDARD: Sie arbeiten seit über 30 Jahren in New York. Inwiefern hat Sie die Stadt geprägt?

Diller: Was mich sehr beeinflusst hat, ist das New York der 1970er-Jahre. Es war eine unglaubliche Zeit: sehr wild, rau und lebendig. Kunst, Theater, Installationen, billige Mieten, Industrielofts. Alle Arten von Kultur vermischten sich. Schon damals hat mich die Kunst mehr beeinflusst als die Architektur. Und ich war schon als Kind süchtig nach Museen. Insofern: Ja, ich bin ein Produkt New Yorks, auch wenn ich selbst nie daran denke.

STANDARD: Auch einen großen Anteil Ihrer Projekte haben Sie in New York realisiert.

Diller: Sehr unüblich für Architekten! Die meisten kommen woanders zum Ruhm, und werden am Ende ihres Lebens eingeladen, in ihrer Heimatstadt etwas zu bauen. Wir hatten dagegen viele Gelegenheiten, zu unserer Stadt etwas beizutragen.

STANDARD: Unter diesen Projekten ist die Erweiterung des Museum of Modern Art das aktuellste und umstrittenste. Warum hat das Projekt so viel Staub aufgewirbelt?

Diller: Das MoMA platzt aus allen Nähten. Als Nächstes bekommt es einen neuen Turm von Jean Nouvel. Wir bekamen den Auftrag für den Raum dazwischen. Genau dort, wo sich das Folk Art Museum befand, das wir auf jeden Fall erhalten wollten. Nach sechs Monaten Analyse war uns klar, dass das nicht funktioniert. Inzwischen wurde es abgerissen. Das hieß, dass wir und das MoMA plötzlich alle gegen uns hatten. In den 1970er-Jahren hieß es: Macht die Kunst weniger elitär! Heute ist den Leuten die Kunst zu populär: Zu viele Touristen! Wir haben all das erduldet, weil wir letztendlich das MoMA zu einem besseren Museum machen wollen. Es ist in jeder Hinsicht ein Extremfall unter unseren Projekten. Am anderen Ende planen wir gerade, eine ganz andere Art Museum in New York zu etablieren.

STANDARD: Worum geht es da?

Diller: 2008 suchte die Stadt nach einer kulturellen Nutzung, direkt an der High Line. Natürlich hatte damals, im Jahr der Krise, niemand Geld für so etwas übrig. Wir waren die Einzigen, die sich bewarben. Jetzt sind wir mitten in der Planung. Es wird ein brandneues Start-up namens "Culture Shed". Ohne Regeln, ohne Kunstsammlung, ein völlig offener Raum.

STANDARD: Museen als Mittel zur Stadtentwicklung hatten Sie sich schon beim Neubau des ICA im Hafen von Boston gewidmet. Vor kurzem wurde der Sieger des Wettbewerbs für das Guggenheim Helsinki bekanntgegeben, für den über 1700 Projekte eingereicht wurden. Ist der "Bilbao-Effekt" immer noch eine gültige Erfolgsformel?

Diller: Es ist irre: Beim Guggenheim Helsinki hofften Tausende auf ihren eigenen Frank-Gehry-Moment. Was mit Gehrys Museum in Bilbao passierte, war magisch: ein Gebäude, das mit einer Stadt identifiziert wird. Für einen solchen Erfolg braucht man die richtige Architektur am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Auch bei unserem ICA-Museum in Boston war das so. Wenn man diesen Effekt aber immer weiter kopiert, verliert er an Kraft. Museen als Motor der Stadtentwicklung sind keine schlechte Idee, aber wenn es nur darum geht, die immer gleiche skulpturale Architektur hinzustellen, funktioniert das nicht. Man muss sich den Ort sehr genau anschauen, bevor man zu planen beginnt.

STANDARD: Sie sagten einmal, Sie hätten nie die Absicht gehabt, Architektur zu produzieren. Heute führen Sie ein Büro mit dutzenden Mitarbeitern. Was ist dazwischen passiert?

Diller: Ich denke, wir sind irgendwann rechts abgebogen, wo wir links hätten abbiegen sollen. Ricardo Scofidio und ich begannen mit Kunstinstallationen. Das waren richtige Guerilla-Aktionen. Nach und nach wurden wir von den Museen eingeladen. Dann gab uns Arata Isozaki einen Auftrag für einen Wohnbau in Japan. Weil er eine Ausstellung von uns über das Thema Bügeln gesehen hatte! Damals hatten wir vielleicht vier Mitarbeiter. Dann waren es irgendwann zehn, dann 20, dann 40. Heute fühle ich mich sehr wohl in dieser verschwommenen Welt zwischen Architektur, Kunst und Performance.

STANDARD: Gehen Sie an Architektur- und Kunstprojekte völlig verschieden heran, oder gibt es Überschneidungen?

Diller: Die Unterschiede sind gar nicht so groß. Es beginnt immer mit einer kritischen Analyse, egal ob es ein Museum oder eine Performance ist. Wir stellen uns vor, wir wären gerade auf der Erde gelandete Aliens, die etwas zum ersten Mal tun. Wir schauen, was es schon gab und welcher Logik es folgt, und denken dann weiter.

STANDARD: Apropos Weiterdenken: Gibt es eine Bauaufgabe, von deren Umsetzung Sie noch träumen?

Diller: Im Moment ist mein Traum die "Mile Long Opera", die wir für die High Line konzipieren. Eine Oper, die gleichzeitig Urbanismus, Kunst, Architektur und Musik ist. Das Publikum und die Sänger sind dabei permanent in Bewegung.

STANDARD: Wann wird der Traum in Erfüllung gehen?

Diller: Unser Ziel ist Herbst 2017. Die Organisation ist furchtbar kompliziert, immerhin ist es ein Gesamtkunstwerk! Natürlich funktionieren Gesamtkunstwerke nie so wie geplant, aber wir mussten das einfach tun. Wir haben die High Line geplant, und das ist der nächste Schritt. Unsere rastlosen Gemüter bringen uns also wieder in aufregende Schwierigkeiten! (Maik Novotny, 13.7.2015)

Elizabeth Diller, 1954 in Łódź als Tochter polnisch-tschechischer Eltern geboren, wuchs in New York auf. Seit 1979 Büro mit Ricardo Scofidio, seit 2004 Diller, Scofidio + Renfro. Professur unter anderem an der Princeton University.

  • Die Stadt neu erleben: Über 2,3 Kilometer windet sich der High Line Park durch Manhattan. Wo früher Industrieruinen standen, zählt man heute sechs Millionen Besucher pro Jahr.
    foto: corbis / guido cozzi

    Die Stadt neu erleben: Über 2,3 Kilometer windet sich der High Line Park durch Manhattan. Wo früher Industrieruinen standen, zählt man heute sechs Millionen Besucher pro Jahr.

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