Noch-Nicht-Gleichbehandlung in a nutshell

Userkommentar13. Juli 2015, 10:00
156 Postings

Wer gut argumentiert und nicht untergriffig ist, der wird in Foren besser bewertet? Mitnichten. Positionen, die für Gleichstellung sind, werden grundsätzlich unfairer behandelt

In der Gender-Debatte lässt sich generell ein äußerst untergriffiger Ton feststellen. Aber wie groß ist die Untergriffigkeit im Mikrokosmos des STANDARD-Forums? Wie reagieren hier User auf Kritik an ihrer Diskussionskultur?

Die Ausgangslage

Ich habe alle 304 veröffentlichten Postings zum Artikel vom 10. Juni, der die Diskussionskultur kritisiert, untersucht. Die Einstellung zur Gleichstellung war in 16,6 Prozent der Postings bejahend, in 43 Prozent verneinend und in 40,5 Prozent unklar/neutral. 54 Prozent aller Postings wurden als argumentiert klassifiziert, 22 Prozent als untergriffig.

Ungleichbehandlung beginnt bei der Bewertung

Die Bewertungen folgen einem eindeutigen Muster: Bei positiver Einstellung zur Gleichstellung gab es eine durchschnittliche Bewertung von acht roten Stricherln, bei negativer gab es mehr als zwölf grüne Stricherl. Gleichstellung wird also rot, Widerstand dagegen grün markiert.

Rationale Postings bekommen das meiste Grün? Das ist leider idealistisches Wunschdenken. Postings, die Argumente enthalten, bekamen fünf grüne Bewertungen, solche ohne Argumente fast sieben. Untergriffiges wurde mit mehr als zehn positiven Bewertungen am meisten belohnt.

Rosinenpicken beim Bewertungsverhalten

Damit noch nicht genug. Je nach Einstellung zur Gleichstellung im Posting ändert sich das Bewertungsverhalten der anderen UserInnen:

  • Bei GegnerInnen der Gleichstellung haben Untergriffigkeiten und Argumente kaum einen Einfluss auf die Bewertung.
  • In der Gruppe der Neutralen/Unklaren lassen Untergriffigkeiten die positiven Bewertungen von vier auf zehn hochschnellen. Für die BewerterInnen gilt die Untergriffigkeit wohl als versteckter Hinweis, dass das Posting auf der ablehnenden Seite ist.
  • Bei BefürworterInnen der Gleichstellung werden untergriffige Postings schlechter bewertet als solche, die die Gesprächskultur achten. Fehlende Argumentation zieht ebenfalls mehr Rot nach sich. Nur bei dieser Gruppe gelten die Regeln der Höflichkeit und das Begründungsgebot. Nur hier wird Untergriffigkeit negativ(er) bewertet.

Wie sich Noch-Nicht-Gleichbehandlung nachweisen lässt

Bei Berücksichtigung der Deklarierten schlägt sich die Einhaltung der Diskussionskultur nur dann in der Bewertung der Postings zu Buche, wenn sie als FeministInnen identifiziert werden. Sie haben es deutlich schwerer, ein grünes Stricherl zu bekommen, da Untergriffigkeiten und mangelnde Argumentation unverhältnismäßig hart sanktioniert werden. Untergriffigkeiten werden bei GleichstellungsgegnerInnen sogar leicht belohnt. Obwohl GleichstellungsbefürworterInnen deutlich schlechtere Karten haben, sind sie wesentlich fairer.

Wie im Kindergarten: "Immer zweimal mehr wie du"

Jedes sechste Posting hat die Diskussionsweise des Artikels kritisiert. Es wird genau jene Diskussionskultur kritisiert, die im Forum gelebt wird. Selbst der Hinweis auf eine ungerechte Diskussionskultur erzeugt Widerstand und wird mit weiteren Untergriffigkeiten gerechtfertigt. Im Regelfall wird das Argument gespiegelt: Es wird behauptet, dass die Person, die die Diskussionskultur anprangert, ebenfalls untergriffig sei. So wie im Kindergarten: "Immer zweimal mehr wie du."

Fazit

Frauen und Männer sind in der Gender-Debatte noch nicht gleichberechtigt. Selbst bei banalen Diskussionsregeln wird mit zweierlei Maß gemessen. GleichstellungsgegnerInnen sind nicht in der Lage, ihre eigenen Postings gerecht zu bewerten, obwohl sie beim anderen Lager die Qualität der Postings gut einschätzen können. Wir sollten als LeserInnen mit unseren Bewertungswerkzeugen verantwortungsvoller umgehen. (Manuel Weichinger, 13.7.2015)

  • Ungleichbehandlung beginnt bei der Bewertung mit Rot und Grün.
    foto: apa/dpa/sven hoppe

    Ungleichbehandlung beginnt bei der Bewertung mit Rot und Grün.

  • Die durchschnittliche Bewertung eines Postings.
    tabelle: manuel weichinger

    Die durchschnittliche Bewertung eines Postings.

Share if you care.