Duras und Vittorini: Die Leere in der Rue Saint-Benoît

16. Juli 2015, 11:24
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Vierter literarischer Streifzug durch Paris: Marguerite Duras und Elio Vittorini

Je suis en route, vor einem Lokal in der Rue Saint-Benoît halte ich inne. Die Terrasse des Cafés noch unbelegt, und doch habe ich kurz das Gefühl, sie zu sehen: an ihren Händen schwere Ringe, an der rechten Jade, links Diamanten, ihre Kleidung hingegen altmodisch und formlos. "Ich sehe immer wie eine Clocharde aus", sagte sie einmal.

Dabei litt sie an Geld keinen Mangel, ihre Bücher erreichten hohe Auflagenzahlen, Moderato cantabile zum Beispiel oder Der Liebhaber. Das Buch erschien 1984, wurde millionenfach verkauft und in 40 Sprachen übersetzt, brachte ihr den Prix Goncourt ein. Aber schon Jahre zuvor war sie durch das Drehbuch für den Film Hiroshima mon amour zu internationaler Bekanntheit gelangt: Marguerite Duras.

"Nichts Wahres im Realen"

Im Alter von achtzehn Jahren kommt sie nach Paris, geboren 1914 nahe Saigon, Vietnam, damals noch Französisch-Indochina. Als die Deutschen 1940 die französische Hauptstadt besetzen, geht sie in den Widerstand, schließt sich den Kommunisten an. Gleich gegenüber ihrem Stammlokal wohnte sie mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Eine Vierzimmerwohnung, abgeblättert die Wände, in der Küche speckig, abgeschlagenes Geschirr. Eine emaillierte Kübelwanne im Bad, Blümchengardinen vor den Fenstern. In ihrem Arbeitszimmer nebst Schreibtisch ein schmales Bett mit karierter Decke, überall Bücher, Manuskripte, Fotos und Einladungskarten, wahllos an die Wand gepinnt. Trotz der Tantiemen, die ihr Der Liebhaber bescherte, weigerte sie sich, die Wohnung renovieren zu lassen. Jeder Komfort widerte sie an, "es gibt nichts Wahres im Realen", sagte sie, sie suchte die Leere, kreiste um diese, ihre Bücher handeln davon.

Über viele Jahre hinweg ist ihre Wohnung Treffpunkt der geistigen Elite Frankreichs und der Genossen aus der KPF. Nächtelang debattieren sie in der Rue Saint-Benoît über die Probleme der Arbeiterklasse und entwerfen die Welt neu, getrunken wird ohnehin, bis keiner mehr aufrecht stehen kann. Michel Leiris ist unter den Gästen, Georges Bataille und Raymond Queneau, Jacques Tati und Clara Malraux. Im Kreis der Diskutanten taucht auch Sartre auf, Duras mag ihn nicht, die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Fasziniert ist sie hingegen von Elio Vittorini, Schriftsteller, Publizist und Übersetzter, vor allem aber Oppositioneller innerhalb der italienischen KP.

Die Stimme der Verbotszeit

Geboren wurde Vittorini 1908 in Syrakus auf Sizilien, 1930 zog er nach Florenz, heiratete eine Schwester des Lyrikers Salvatore Quasimodo, mit der er zwei Kinder bekam. Lange arbeitete er als Journalist und Übersetzer aus dem Englischen, mit Cesare Pavese gab er eine Anthologie amerikanischer Literatur heraus. Zunächst war er dem Faschismus nahegestanden, hatte in dessen einschlägigen Journalen publiziert, was sich aber mit Beginn des Spanischen Bürgerkriegs änderte.

Als bedeutendstes Werk Vittorinis gilt der Roman Conversazione in Sicilia, der 1941 erschienen war und bereits zwei Jahre später in der Schweiz ins Deutsche übersetzt wurde. Vittorini sei die Stimme der Verbotszeit gewesen, er habe die Zeit vorausgefühlt und ihr ihren Mythos gegeben, schrieb Pavese zu diesem Buch.

Vittorini starb 1966, dreißig Jahre später die Duras. Sie ist auf dem Friedhof Montparnasse begraben, den sie früher gerne besucht hat, im sechsten Arrondissement einer Stadt, die sie liebte, "ganz gleich, in welchem Licht, ganz gleich, zu welcher Jahreszeit, ganz gleich, zu welcher Stunde." Je suis en route. (Christoph W. Bauer, 11.7.2015)

  • Elio Vittorini, "Gespräch in Sizilien". Aus dem Italienischen von Trude Fein. € 11,30 / 184 Seiten. Wagenbach, Berlin 2011
    foto: der standard

    Elio Vittorini, "Gespräch in Sizilien". Aus dem Italienischen von Trude Fein. € 11,30 / 184 Seiten. Wagenbach, Berlin 2011

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