Rohstoffexperte: "Europa hat sich von Rohstoffpolitik verabschiedet"

Interview16. Juli 2015, 16:46
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Derzeit ist auf dem Weltmarkt für Geld alles an Rohstoffen zu haben. Aber es könnte mit der Rohstoffversorgung schlagartig wieder eng werden

Derzeit ist auf dem Weltmarkt für Geld alles an Rohstoffen zu haben. Aber es könnte mit der Rohstoffversorgung schlagartig wieder eng werden. Rudolf Skarics im Interview mit dem Rohstoffexperten Helmut Antrekowitsch.

STANDARD: Alte Autos sind eine veritable Rohstoffquelle, sie verlassen aber überwiegend den Kontinent oder zumindest die EU. Warum behält man sie nicht hier?

Antrekowitsch: Bezüglich der Rohstoffe stellt das Automobil tatsächlich ein äußerst hochwertiges Produkt dar, weshalb der Export unter dem Titel der Wiederverwendung im Rahmen der Ressourcensicherheit ein großer Verlust ist. Aufgrund des manchmal ineffizienten Recyclings in anderen Ländern werden immerhin hochwertige Komponenten rechtzeitig teilweise entfernt, wie das beispielsweise beim Katalysator der Fall ist, um das teure Platin rückzugewinnen. In Afrika würde aufgrund von schlechter Infrastruktur (fehlende Straßen, Anm.) der Keramikmonolith in sehr kurzer Zeit zerstört, womit das hochwertige Platin verloren ginge.

STANDARD: Und wie sieht es mit den Rohstoffen für Hightech und Elektronik aus?

Antrekowitsch: Ohne Seltene Erden würde das Leben, so wie wir es heute gewohnt sind, überhaupt nicht mehr funktionieren. Von der Rohstoffseite her ist hier Europa vollkommen von China abhängig, 97 Prozent werden dort produziert. Gadolinium, Dysprosium, Neodym, Praseodym usw. spielen eine enorme Rolle, denn es gibt keine Elektronik, die ohne diese Seltenen Erden auskommt. Doch Europa hat sich leider in den 80er- und 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts von der Rohstoffpolitik verabschiedet, sodass auch die Gewinnung von Seltenen Erden in andere Länder verlagert wurde.

STANDARD: Aber es gibt doch Bergbau, jedenfalls in Österreich ...

Antrekowitsch: Einige österreichische Unternehmen sind traditionell sehr stark bei den hochschmelzenden Metallen, die auch für die Autoindustrie äußerst wichtig sind, etwa Wolfram und Molybdän. In Mittersill (Salzburg) ist die größte Wolfram-Lagerstätte Europas. Sie war zwischenzeitlich in den 90er-Jahren außer Betrieb und diente als Schaubergwerk. Die Gründe lagen in den niedrigen Preisen für Wolfram, wodurch sich der Bergbau nicht mehr lohnte. Nach dem weltweiten Schließen mehrerer Lagerstätten wurden dann wieder die Preise erhöht und somit eine Monopolstellung erreicht. Das Management in Österreich war jedoch sehr weitsichtig und führte keine vollkommene Schließung durch, weshalb bei steigenden Preisen der Betrieb wieder aufgenommen werden konnte.

STANDARD: Hochtechnologiekontinent im Autosektor und keine eigenen Rohstoffe – wie geht das zusammen?

Antrekowitsch: Am Beispiel Magnesium zeigt sich, dass hier großer Nachholbedarf in Europa besteht. Europa war bei der Magnesiumproduktion und Weiterverarbeitung bis zum fertigen Bauteil bis Mitte 2000 führend, als dieser Werkstoff etwa bei Porsche und BMW zum Einsatz kam und kommt. 2005 wurde dann die letzte primäre Magnesiumhütte geschlossen. Zurzeit werden 90 Prozent des weltweiten Magnesiums in China produziert. Das ist für die Autoindustrie auch insofern problematisch, als man die Qualität weniger beeinflussen kann. Darüber hinaus besteht eine Abhängigkeit, wenn beispielsweise Lieferstopps vonseiten Chinas erfolgen und Produktionslinien stillgelegt werden müssten.

STANDARD: Über Strategien zur Rohstoffsicherung wird ständig geredet, doch wie sieht die Wirklichkeit aus?

Antrekowitsch: Bis 2008 hat Europa hinsichtlich einer nachhaltigen Rohstoffpolitik trotzdem nicht reagiert. 2008 und 2009 kam es zu enormen Preissteigerungen, insbesondere bei Seltenen Erden. Deshalb wurden weltweit mehrere Hundert Lagerstättenprojekte gestartet. Bis das wirkt, dauert es aber 15 Jahre, und China hat beispielsweise die Möglichkeit, kurzfristig die Preise wieder zu senken, weshalb nur wenige Bergbauaktivitäten übrig geblieben sind – bei den Seltenen Erden nur vier. China hat allerdings auch die Zeichen der Zeit erkannt und ist mittlerweile der größte Recycler bei den Seltenen Erden, und Europa lässt wiederum wertvolle Zeit verstreichen.

STANDARD: Beginnt Recycling also eigentlich bei der Herstellung?

Antrekowitsch: Gutes Beispiel ist Aluminium: Zurzeit werden etwa 60 Millionen Tonnen pro Jahr hergestellt. Dabei entsteht bereits die doppelte bis zweieinhalbfache Menge an Rotschlamm. Vielen ist das vom Unglück in Ungarn bekannt. Das bedeutet, dass etwa 130 bis 140 Millionen Tonnen an Reststoff erzeugt werden, der auf Sonderdeponien gehen muss.

STANDARD: Das Recycling von Stahl wird immer als recht einfach dargestellt. Salopp gesagt, schmilzt man ihn einfach ein und gießt, presst und walzt danach wieder ein neues Bauteil in nahezu beliebiger Legierung und Qualität ...

Antrekowitsch: Das hat sich mit dem Verzinken der Karosserie geändert. Zink, das den Stahl vor Rost schützt, landet beim Einschmelzen des Stahlschrotts im Filter. Ohne Zink konnte der Filterstaub einfach wieder in den Hochofen rückgeführt werden. Zink führt jedoch aufgrund des Kreislaufs im Hochofen unter anderem zu einer Zerstörung der Ausmauerung. Deshalb muss dieser Staub, der bei der Verwertung von verzinkten Karosserien und Teilen im Stahlherstellungsprozess entsteht, teilweise deponiert werden. Der Recyclingkreislauf ist damit unterbrochen.

STANDARD: So viel Zink im Staub muss doch auch einen Wert haben?

Antrekowitsch: Dieser Filterstaub enthält oft zehn, 15, bis zu 20 Prozent Zink. Die Erze, die für die Zinkgewinnung abgebaut werden, enthalten nur drei bis vier Prozent. Der Staub ist aber aufgrund der mitverbrannten Kunststoffe verunreinigt mit Bestandteilen wie Chlor, Fluor und so weiter.

STANDARD: Gibt es nicht wenigstens irgendetwas, bei dem sich Recycling auszahlt?

Antrekowitsch: Das Recycling von den Massenmetallen (Eisen, Aluminium, Kupfer, Blei usw.) wird problemlos wirtschaftlich durchgeführt, bei den Technologiemetallen (Seltene Erden, Refraktärmetalle, Indium, Gallium etc.) und bei komplexen Reststoffen wie Schlämmen, Stäuben usw. können dagegen Schwierigkeiten auftreten. Bei Edelmetallen lohnt sich aufgrund des hohen Preises die Wiedergewinnung fast immer.

STANDARD: Es geht also immer um die Kostenschere ...

Antrekowitsch: Schon in den 50er- und 60er-Jahren sind sämtliche Technologien entwickelt worden, um Rotschlamm, der sehr viel Eisen, aber auch andere wertvolle Bestandteile enthält, aufzuarbeiten, sogar zu Ferrolegierungen oder für den Baustoffbereich. Hierbei übersteigt die Verarbeitung die Deponiekosten teilweise um das Hundertfache.

STANDARD: Bei allen Kalkulations- und Spekulationsmodellen – warum geht auch noch so viel Schrott aus Europa verloren?

Antrekowitsch: Wenn China oder der Nahe Osten geringfügig mehr für den Schrott bezahlt, dann wird eben dorthin geliefert. Auch der Transport kostet praktisch kaum etwas, was jedoch bei nachhaltiger Betrachtung nicht der Kostenwahrheit entspricht. Im Nahen Osten wird der Schrott unter relativ großem manuellem Aufwand von Menschen sehr sauber sortiert und geht anschließend weiter nach Asien, im Speziellen nach China. Die zahlen eben mehr. (Rudolf Skarics, Rondomobil, 16.7.2015)

Helmut Antrekowitsch (47), Studium und Dissertation an der Montanuniversität Leoben. Nach selbstständiger Tätigkeit im Bereich Nichteisenmetalle und Schadensanalytik leitet er seit 2003 den Lehrstuhl für Nichteisenmetallurgie an der Montanuniversität Leoben.

  • Helmut Antrekowitsch leitet seit 2003 den Lehrstuhl für Nichteisenmetallurgie an der Montanuniversität Leoben.
    foto: antrekowitsch

    Helmut Antrekowitsch leitet seit 2003 den Lehrstuhl für Nichteisenmetallurgie an der Montanuniversität Leoben.

  • Von der Absicht, eine neue Rohstoffquelle zu erschließen, bis zum ersten Ergebnis kann es 15 Jahre dauern.
    foto: bmw

    Von der Absicht, eine neue Rohstoffquelle zu erschließen, bis zum ersten Ergebnis kann es 15 Jahre dauern.

  • Zylinderbank: Bei der Herstellung von Alu entsteht mehr als doppelt so viel Rotschlamm, der deponiert wird, aber noch wertvolle Rohstoffe enthält.
    foto: bmw

    Zylinderbank: Bei der Herstellung von Alu entsteht mehr als doppelt so viel Rotschlamm, der deponiert wird, aber noch wertvolle Rohstoffe enthält.

  • Katalysator: neben der Bleibatterie das beliebteste Recyclingobjekt durch hohen Platingehalt.
    foto: daimler

    Katalysator: neben der Bleibatterie das beliebteste Recyclingobjekt durch hohen Platingehalt.

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