Obdachlose – und leere Zimmer – in Traiskirchen

9. Juli 2015, 22:58
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Dringende Quartierbitten an Journalisten bei Führung durch Österreichs Asyl-Hotspot

Traiskirchen – Vorschriften sind zum Befolgen da, weiß Gernot Maier, Leiter der Abteilung Grundversorgung des Innenministeriums. Bei bau- und feuerpolizeilichen Vorschriften sei das auch eine Sicherheitsfrage. "Es geht um die Breite der Gänge. In diesem Gebäude dürfen nicht mehr Menschen wohnen, als im Fall eines Brandes rechtzeitig ins Freie gelangen können", sagt Maier, auf der Schwelle zu einem von 31 unbewohnten Zimmern im Haus eins des Erstaufnahmezentrums Traiskirchen stehend.

In dem Raum sind dutzende aufklappbare Betten gestapelt, aus Holz, mit Lattenrosten. Unbenutzte Betten, für die im Lager aus Vorschriftsgründen Platz zum Aufstellen fehlt – und aufgrund des akuten Quartiermangels auch anderswo. Sodass etwa Karim (Name geändert), junger Mann aus dem Irak, sein Schlafsacklager unter einem Baum auf dem Rasen aufgeschlagen hat, der an den Platz vor Haus eins angrenzt.

"We need Verlegung", sagt Karim, der als einziger aus einer Gruppe von etwa zehn Männern ein wenig Englisch spricht. Er brauche dringend einen Platz in einem festen Quartier, meint er. Zehn Tage und Nächte campiere er jetzt schon hier, schildert Karim. Der Wettersturz am Mittwoch habe ihm eine Verkühlung beschert.

Der Iraker ist einer von rund 1200 Asylwerbern, die laut Ministerialbeamten Maier am Donnerstag im Lager unter freiem Himmel lebten. 1820 andere genossen das Privileg einer Bettstatt und von vier Wänden. 480 – auch Familien mit kleinen Kindern – harrten auf Pritschen in Zelten aus, die auf blankem Boden aufgestellt sind. "Dass hier Menschen im Freien leben müssen, tut mir in der Seele weh", sagt Maier.

Alles da, außer ein Quartier

Tatsächlich ist die grassierende Obdachlosigkeit im Erstaufnahmezentrum unübersehbar. Kein Baum, unter dem nicht ein Asylwerber eingemummelt daliegt. Wer kann, sucht hinter Mauerecken oder in Verschlägen Schutz vor dem böigen Wind. Von einer Unterkunft abgesehen fehle es diesen Menschen im Lager an nichts, betonen Maier und Lagerleiter Franz Schabhüttl. Auch sie hätten volle Verpflegung, "mit Nachschlag" gar, könnten duschen, würden ärztlich betreut.

"Please do something for us", bittet Karim trotzdem. Die Journalisten, die an diesem Tag durchs Lager geführt werden, sollten ihm und den anderen Irakern aus seiner Gruppe zu einem Dach über den Kopf verhelfen. Derlei vor Notizblöcken und Kameras formulierte Wünsche findet Abteilungsleiter Maier gar nicht gut. Das schaffe nur Unruhe – "aber es ändert sich nichts", sagt er. (Irene Brickner, 9.7.2015)

  • Das Flüchtlingslager ist überfüllt
    foto: apa/helmut fohringer

    Das Flüchtlingslager ist überfüllt

  • Artikelbild
    foto: apa/robert jaeger
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