USA: Grexit wäre unkontrollierbares Risiko

10. Juli 2015, 11:22
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Finanzminister Jack Lew plädiert stattdessen für Umschuldungen

Jack Lew saß in einem hellgrauen Sessel, die Beine lässig übereinandergeschlagen, und sprach vom Risiko. Dem Risiko einer unkontrollierbaren Krise, wie es mit einem Grexit verbunden wäre. Es wäre ein Fehler, würde sich Europa auf ein solches Wagnis einlassen, warnte der US-Finanzminister bei einer Debatte im Brookings Institut, Washingtons renommiertestem Thinktank. Fatal wäre es schon deshalb, weil zwischen Gläubigern und Schuldnern keine riesige Kluft klaffe, sondern eine eher überschaubare Lücke.

Vor dem griechischen Referendum seien beide Seiten noch um ein paar Milliarden Euro auseinander gewesen, dozierte Lew. Wer öfter in Staatsdiensten über hohe Summen verhandle, wisse, dass man deswegen nicht riskiere, hunderte Milliarden zu verlieren. Im Übrigen, je öfter man Fristen setze, bei denen es fiskalisch um Leben oder Tod gehe, desto höher sei die Gefahr eines "Unfalls".

Umstrukturierung gefordert

Wie die Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist auch Lew der Ansicht, dass die Schuldenlast Athens zu schwer ist. Im Gleichklang mit IWF-Chefin Christine Lagarde plädiert er für eine Umstrukturierung. Und wie Lagarde umschifft er sorgfältig das Wort Schuldenschnitt. Erst vorige Woche hatten IWF-Experten geraten, den Zeitraum für die Rückzahlung der an Athen vergebenen Kredite zu verdoppeln; eine Ansicht, die Washington teilt.

Doch jenseits dezenter Mahnungen zu mehr Flexibilität will man nicht den Eindruck erwecken, als gehe das Kabinett Barack Obamas auf Distanz zur Regierung Angela Merkels. Falls der US-Präsident hinter den Kulissen Druck auf Merkel ausübt, behält dies das Weiße Haus für sich. Umso kontroverser wird in den Kommentarspalten gestritten. Die New York Times erinnert daran, dass es die BRD war, der 1953 auf der Londoner Konferenz rund die Hälfte ihrer Weltkriegsschulden erlassen wurden. Westdeutschland habe von sehr viel gnädigeren Bedingungen profitiert, als man sie Hellas heute gewähren wolle.

Unerfahrenheit einer Politikerin

Bruce Ackerman, Rechts- und Politikwissenschaftler der Universität Yale, sieht in den Turbulenzen den ersten wahren Test deutscher Führungsstärke in der EU, nachdem man den Dirigentenstab jahrzehntelang Frankreich überlassen hatte. "Bislang hat Angela Merkel die Prüfung nicht bestanden, was für Europa tragische Konsequenzen nach sich zieht." Nun zeige sich die Unerfahrenheit einer Politikerin, die den drohenden Bankrott als rein ökonomisches Problem behandle und dabei übersehe, welche strategische Rolle Griechenland angesichts eines wieder aufstrebenden Russlands für Osteuropa spiele.

Akute Ansteckungsgefahr

Am entgegengesetzten Debattenpol steht die Schuldenkrisen-Koryphäe Kenneth Rogoff aus Harvard. Beim Referendum, schreibt er im Wall Street Journal, hätten die Griechen klar dafür gestimmt, die Forderungen nach mehr Austerität abzulehnen. "Das ist schön. Aber wer genau zahlt nun für weniger Austerität?" Ehrlicherweise müsse man sagen, dass Europa vor allem deshalb bereit war, sich bei der Hilfe für Athen fast ein Bein auszureißen, weil es mit der Aussicht auf einen "Grexit" akute Ansteckungsgefahr verband. Bis dato, analysiert Rogoff kühl, sei dieser Effekt eher gering. Was bedeute, dass Alexis Tsipras mit einem deutlich schlechteren Blatt an den Verhandlungstisch zurückkehre. (Frank Herrmann aus Washington, 9.7.2015)

  • Warnt Berlin vor dem Grexit: US-Finanzminister Jack Lew.
    foto: reuters

    Warnt Berlin vor dem Grexit: US-Finanzminister Jack Lew.

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