Vučić besuchte im Bosnienkrieg Tschetniks in Sarajevo

10. Juli 2015, 05:30
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Der Tschetnik-Vojvode Slavko Aleksić erinnert sich an den jungen Journalisten, der damals zu ihm kam

Am Samstag kommt auf Druck der EU der serbische Premier Aleksandar Vučić zum 20. Jahrestag des Genozids an Bosniaken in Srebrenica zur Gedenkstätte in Potočari. Das ist nicht nur von Bedeutung, weil Belgrad damals die politischen und militärischen Aktionen in Ostbosnien mitbestimmt hat, sondern weil Vučić selbst als junger Mann und extremer serbischer Nationalist im Krieg in Bosnien-Herzegowina war. Vučić hat zwar nicht als Tschetnik "gekämpft" wie Präsident Tomislav Nikolić, aber ideologisch war er ganz bei der Sache.

Am 20. Juli 1995, da wurde gerade der Völkermord in Ostbosnien verübt, sagte der junge Vučić im Parlament in Belgrad, dass man "für jeden getöteten Serben 100 Muslime töten" werde.

Treffen mit einem Tschetnik

Später distanzierte er sich von seiner Vergangenheit und übte Selbstkritik. Der STANDARD hat einen Tschetnik aufgesucht, der im Krieg auf einem der Hügel von Sarajevo beim Jüdischen Friedhof mit seinen Kämpfern positioniert war und zu dem Vučić damals kam.

Slavko Aleksić ist ein sogenannter Vojvode, ein Anführer der Tschetniks. Er trägt einen langen Bart als Markenzeichen und lebt in einem Dorf in der Westherzegowina. In der nahegelegenen Stadt Bileća hat er ein riesiges Tschetnik-Denkmal initiiert. Er erzählt von der Kriegszeit, den "außergewöhnlichen Beziehungen zu Vučić und Tomo Nikolić. Wir waren alle in derselben Partei." Die Serbische Radikale Partei wollte damals ein Großserbien schaffen; die Drina, der Grenzfluss zwischen Bosnien und Serbien, wurde von ihr als "Rückgrat Serbiens" betrachtet und sollte in der Mitte des neuen Staates verlaufen.

"Er hat nicht geschossen"

Und Vučić? Was hat er im Krieg in Sarajevo gemacht? "Vučić hat 1993 als Journalisten-Assistent für die SRNA, die serbische Nachrichtenagentur, ein paar Monate in Pale gearbeitet", erzählt Aleksić. "Er war damals ein junger Student und hat Interviews gemacht, unter anderem auch auf dem Jüdischen Friedhof in Sarajevo", erinnert sich der Vojvode an die Begegnung. "Er hat aber nicht geschossen, hatte kein Gewehr und keine Uniform. Er selbst hat offensichtlich einmal gesagt, dass er unter meinem Kommando stand. Aber das ist nicht wahr", fügt er noch hinzu.

Heute ist Aleksić gar nicht mehr zufrieden mit seinen ehemaligen Parteifreunden Vučić und Nikolić. "Wie könnte ich? Serbien sollte nicht der EU beitreten. Die EU ist ein Desaster für dieses Land. Sie hat ihre Produkte und ihr Wissen in dieses Land gepumpt. Aber wir waren bereits Europa, bevor es Europa gab. In der Zeit von Zar Dušan hat man in deutschen und englischen Schlössern noch mit Fingern gegessen, aber wir bereits mit Besteck", erklärt der Mann die zivilisatorische Überlegenheit.

Idee einer Union der orthodoxen Staaten

Aleksić findet, "dass sich alle orthodoxen Staaten, Russland, Weißrussland, Armenien und Serbien vereinigen" und "eine Union schaffen sollen, die das Gegenstück zur Nato ist". Aleksandar Vučić jedoch habe der Nato eine Überflugsgenehmigung gegeben und erlaubt, dass sie die Infrastruktur der serbischen Armee verwenden

kann. "Das ist eine falsche und grausliche Politik", so Aleksić. "Vučić und Nikolić werden von Merkel an der Hand geführt, und Merkel macht, was die Amerikaner wollen", glaubt er.

Vojvodentitel aberkannt

Nikolić sei immerhin vom obersten Vojvoden Momčilo Đujić der Vojvodentitel aberkannt worden. Für ihn selbst verlief die Vojvoden-Karriere besser. "Đujić hat mich 1999, am Tag des Heiligen Sava, zu seinem Nachfolger ernannt."

Aleksić betont, dass er keine Kriegsverbrechen begangen habe. Sarajevo habe er aus seinem Gedächtnis gelöscht. "Es war nach Belgrad die zweitgrößte serbische Stadt. Aber die Serben können niemals mehr nach Sarajevo zurückkehren. Sarajevo ist Teheran geworden." (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, 10.7.2015)

  • Vojvode Aleksić kennt Vučić noch aus dem Krieg in Sarajevo.
    foto: wölfl

    Vojvode Aleksić kennt Vučić noch aus dem Krieg in Sarajevo.

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