Christine Lavant: Freiheit ist assoziativ

10. Juli 2015, 09:00
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Der Kunstraum Lakeside in Klagenfurt versucht eine Annäherung an die Autorin, die dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre

Klagenfurt – Ein Holzschnitt von Werner Berg, der dürfe in keiner Ausstellung über Christine Lavant fehlen, räumt Kuratorin Hemma Schmutz ein: Die Stirn in tiefen Furchen und das Gesicht gewohnt hager, sind das markanteste Merkmal der Maske (1951) der Kärntner Dichterin aber doch die großen, müden Augen mit den schweren Lidern, die wie in eine weit entfernte Leere starren.

Ein Verschleierungsvideo oder Gummistiefel hat es aber wohl noch in keiner Schau über die 1973 verstorbene Kärntner Dichterin gegeben. Das mag daran liegen, dass der Literatin selten Ausstellungen mit bildender Kunst ausgerichtet werden. Und erst recht mit zeitgenössischer.

In Klagenfurt versucht man aber genau das. So wilde Freiheit war noch nie lautet der dem Gedicht Der Pfauenschrei entlehnte Titel der Annäherung an die Lyrikerin und Prosaautorin, die dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre, welche im Kunstraum Lakeside aktuell gezeigt wird.

Assoziative Ansammlung

Und zwar ohne ein paar ihrer Texte zu illustrieren. Stattdessen hat man eine assoziative Ansammlung von rund einem Dutzend Arbeiten von Zeitgenossen Lavants sowie jüngeren, internationalen Künstlern zusammengestellt, um sie nach Aspekten wie Familie, Natur oder Frauenbild auf "Stimmungen und Motive aus Lavants Leben und Werk" zu beziehen.

So lässt die Kleinstskulptur Samen (1990) von Bruno Gironcoli Schmutz etwa an einen Embryo denken und repräsentiert folglich Lavants unerfüllten Kinderwunsch. Auf deren Naturverbundenheit soll, zumindest in der Namensgebung stimmig, das Blatt Naturmenschen in Verbundenheit (1998) von Maria Lassnig anspielen. Auf die Lavant'schen Ader fürs Metaphysische ein schwarzer Bronzeabguss in Wasser geronnenen Wachses des in Lavants Todesjahr geborenen Karl Karner.

Schmerz und Stärke

Wer sich von der Ausstellung konkrete Verbindungen zu Christine Lavant erwartet, wird enttäuscht sein. Wer diese Hommage aber als motivische Schlagwortsammlung begreift, kann auf unerwartete Weise fündig werden.

Etwa bei Nilbar Güres, die mit Undressing (2006) ein Video über die Funktion des Schleiers für muslimische Frauen zeigt und zur Überlegung anregt, was weibliche Identität und Widerstand im Fall der kopftuchtragenden Dichterin bedeuten können.

Geschundensein, Schmerz, Depression und Kärntner Landleben prägen das Bild Christine Lavants bis heute. Dabei betrieb sie ihr Schreiben aber in Kenntnis der internationalen Bewegungen, woran hier Typocollagen ihres Tonhof-Kollegen Gerhard Rühm an den Wänden gemahnen sollen. Lavant war trotz ihrer Schwäche auch selbstbewusst und stark. Jener Aspekt macht in dieser Schau mehr Eindruck. (Michael Wurmitzer, 9.7.2015)

Bis 14. 8.

Link

Kunstraum Lakeside

  • 1951 hat Werner Berg die Dichterin Christine Lavant, die er 1950 am Tonhof bei Maria Saal kennengelernt hatte und mit der ihn bis 1955 eine unmögliche Liebe verband, in einem Holzschnitt porträtiert.
    foto: künstlerischer nachlass werner berg

    1951 hat Werner Berg die Dichterin Christine Lavant, die er 1950 am Tonhof bei Maria Saal kennengelernt hatte und mit der ihn bis 1955 eine unmögliche Liebe verband, in einem Holzschnitt porträtiert.

  • Karl Karners Bronzeabguss von in Wasser geronnenem Wachs mit Federn soll in der Ausstellung auf Lavants metaphysische Ader verweisen.
    foto: karl karner

    Karl Karners Bronzeabguss von in Wasser geronnenem Wachs mit Federn soll in der Ausstellung auf Lavants metaphysische Ader verweisen.

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