Österreichisch-ungarische Vergangenheitsbewältigung

9. Juli 2015, 17:07
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Der Aufarbeitung der ungarischen "Mitvergangenheit" widmen Krisztina Tóth und Ferenc Barnás ihre aktuellen Romane

Welche literarischen Transaktionen zwischen Autorinnen und Autoren, Übersetzern und Übersetzerinnen, zwischen Verlagen und Publikum prägen das gegenwärtige Erzählen? Oft stellt sich die Frage, wie Literatur gesellschaftliche, fiktionale und sprachliche Horizonte erweitern kann.

Der 2012 von Zsoka Lendvai gegründete Nischen-Verlag hat es sich ambitioniert zur Aufgabe gemacht, gesellschaftliche Strömungen in der ungarischen Literatur und Kultur zu erfassen, Hintergründiges zu dekuvrieren und Metamorphosen sichtbar zu machen. Neben bereits publizierten historisch relevanten Textsorten widmet sich der Verlag zunehmend der Förderung zeitgenössischer ungarischer Autoren.

Ungarn ist dieser Tage immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Gründe: die geopolitische Sonderstellung in der EU, die Frage der Flüchtlinge, die Schließung der Grenzen, die Entwicklung Europas mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten nach Zersplitterung des Warschauer Pakts. Der Weg zur freien Demokratie verläuft keineswegs geradlinig. Bedenken und Gedenken an die Vergangenheit, historische Wurzeln der k. u. k. Monarchie, Abhängigkeiten, Unzulänglichkeiten der Politik in der Gegenwart und Vergangenheit hinterließen Spuren in der Gesellschaft, bei Intellektuellen, Wissenschaftlern und Künstlern.

Der Aufarbeitung der ungarischen "Mitvergangenheit" widmen Krisztina Tóth und Ferenc Barnás ihre aktuellen Romane. Tóth perlustriert in der Familiensaga Aquarium das Leben armer, "kleiner" Leute in den 1950er- und 1960er-Jahren. Ein Kaleidoskop zwischen Souterrain, Träumen, Parteibuch und dem Wunsch, einmal reich zu werden. Von einem jugendlichen Helden in der Kádár-Ära, die viele zu Opportunisten werden ließ, hingegen handelt Ferenc Barnás' Roman Der Neunte. Politik und Alltag, Anpassung, Widerstand und innere Emigration sind Themen im breiten Spektrum zeitgenössischer Literatur.

Anerkennung wurde nun Tóths Roman Aquarium zuteil. Als einziges österreichisches Buch wurde es – neben Amos Oz, Dasa Drndíc, Gilbert Gatore, NoViolet Bulawayo und Patrick Chamoiseau – für die Shortlist des mit 25.000 Euro dotierten Berliner Internationalen Literaturpreises nominiert. (Gregor Auenhammer, 10.7.2015)

Krisztina Tóth: "Aquarium". Übersetzung von György Buda. € 23,- / 280 Seiten.

Ferenc Barnás: "Der Neunte". Übersetzung von Éva Zádor. € 21,- / 220 Seiten.

Beide: Nischen-Verlag, Wien 2015.

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