Die fatale Wanderunlust der Hummeln

9. Juli 2015, 20:00
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Die Folgen der globalen Klimaveränderungen lassen den Lebensraum der wichtigen Blütenbestäuber rasant zusammenschrumpfen

Ottawa/Wien – Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten befinden sich in Bewegung. Ein typisches Beispiel dafür ist die Europäische Gottesanbeterin: Während sich die grüne Räuberin in früheren Jahren nur im südlichen Europa heimisch fühlte, hat sie mittlerweile den 50. Breitengrad weit hinter sich gelassen. Inzwischen ist sie sogar in Westsibirien anzutreffen. Den Grund für diese Wanderlust sehen Biologen in den Auswirkungen des Klimawandels. Einerseits erschließt der Temperaturanstieg einigen Arten neue attraktive Verbreitungsgebiete. Zum anderen zwingt die Erwärmung Spezies, die es gerne etwas kühler haben, immer weiter polwärts und in höhere Lagen auszuweichen.

Viele Populationen haben diese Möglichkeit jedoch nicht. Bewohner der Arktis etwa stehen bereits gleichsam mit dem Rücken zur Wand; weiter nach Norden geht es nicht. Die Folge ist, dass jene Spezies, die sich nicht an die Klimaveränderungen anpassen oder umziehen können, über kurz oder lang von der Erde verschwinden werden. Laut einer Ende April veröffentlichten "Science"-Studie könnte künftig sogar jede sechste Tier- und Pflanzenart von diesem Schicksal betroffen sein.

Eine nun ebenfalls im Fachjournal "Science" präsentierte Untersuchung identifiziert eine gefährdete Gruppe von Insekten, die man bisher eigentlich für recht robust gegenüber den Folgen des Temperaturanstiegs gehalten hatte: die Hummeln. In der bislang umfassendsten Studie zum Einfluss des Klimawandels auf Blüten bestäubende Insekten kam ein Forscherteam rund um Jeremy Kerr von der kanadischen University of Ottawa zu dem alarmierenden Schluss, dass der Lebensraum der Hummeln in Europa und Nordamerika rasant zusammenschmilzt.

Wanderfaule Bestäuber

Die Biologen analysierten für ihre Arbeit mehr als 420.000 historische und aktuelle Daten zur Verbreitung von insgesamt 67 Hummelarten – und erlebten dabei eine Überraschung: Im Unterschied zu anderen Insektenspezies weichen Hummeln nicht in nördlichere Gefilde aus, um den steigenden Temperaturen zu entkommen. Während die südlichen Verbreitungsgrenzen der meisten Arten Europas und Nordamerikas mittlerweile um 300 Kilometer nördlicher liegen als noch vor 100 Jahren, blieben die Nordgrenzen annähernd stabil.

"Das Ausmaß und die Geschwindigkeit dieses Lebensraumverlustes sind beispiellos", meint Kerr. Der Grund dafür ist weitgehend ein Rätsel. Eine Vermutung haben die Wissenschafter aber doch: Im Unterschied zu vielen anderen Insekten, deren Ursprung in den Tropen liegt, haben sich Hummeln in der Paläarktis entwickelt. Dies könnte dazu geführt haben, dass sich die pelzigen Bienenverwandten heute schwerer tun bei der Anpassung an geänderte Umweltbedingungen und daher nur ungern auswandern. Zwar gelang es einigen Populationen, in kühlere Höhenlagen auszuweichen, doch auch das verschafft ihnen nur eine Gnadenfrist. "Irgendwann werden ihnen die Berge ausgehen", befürchtet Koautor Leif Richardson.

Nicht nur für die Hummeln selbst sind das schlechte Nachrichten: "Sie sind für die Bestäubung zahlreicher Pflanzenarten verantwortlich, die Menschen und Tieren als Nahrungsquelle dienen", meint Richardson. "Wenn wir den Rückgang der Hummeln nicht stoppen, werden wir uns vielleicht höheren Nahrungsmittelpreisen, einer geringeren Vielfalt und anderen Problemen stellen müssen." (Thomas Bergmayr, 10.7.2015)

  • Noch sind sie ein vertrauter Anblick im  heimischen Garten, doch  der Klimawandel könnte den Hummeln künftig den  Garaus machen.
    foto: ap / frank augstein

    Noch sind sie ein vertrauter Anblick im heimischen Garten, doch der Klimawandel könnte den Hummeln künftig den Garaus machen.

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