Wozu philosophisch denken?

Gastkommentar10. Juli 2015, 05:30
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Die Philosophie ist durch die schnelllebige Zeit herausgefordert. Doch die Sehnsucht danach besteht

Die Geschichte der Philosophie; der Versuch, das mangelhafte menschliche Erkenntnisvermögen, die Inkonsequenz unserer Handlungen, sowie die immer wieder aufkeimende Hoffnungslosigkeit angesichts der endlichen individuellen Existenz durch kräftiges Nachdenken zu kompensieren.

Aber: Hat es funktioniert? Was bringt es? Ein Kulturpessimist würde argumentieren, dass es nur mit mäßigem Erfolg gelang.

Die ungesellige Geselligkeit

Vielleicht treiben uns aber gerade diese Antagonismen an, weil wir so herausgefordert bleiben, und nicht im vorgegaukelten Tittytainment versumpfen. Kant sprach, obwohl er die rousseausche Perfectibilité des Menschen grundsätzlich bejahte, dass wir uns nämlich sowohl als einzelne wie als ganze Menschheit zu verbessern vermögen, von einer List der Natur in Anbetracht der allgegenwärtigen Widersprüche im Reich der Freiheit.

Wir stehen immer im Spannungsfeld einer, wie er es nannte, ungeselligen Geselligkeit des Miteinanders. Geselligkeit bedeutet, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Ach es wäre doch so schön, wenn alles immer harmonisch ablaufen würde. Der Mensch muss jedoch auch ungesellig sein. Das führt zwar zu Unfrieden untereinander, sichert aber die notwendige Freiheit des Individuums, etwa gegenüber Entwürfen eines zu kollektivistisch geprägten sozialen Miteinanders, ab.

Freiheit heisst – Nein! sagen können. Erst aus der Verschränkung entgegengesetzter Momente ist eine Entwicklung als Prozess möglich. Dessen Ausgang bleibt, trotz aller Hoffnung, offen. Ohne ungesellige Geselligkeit wären wir wie willenlos lenkbare Schafe – ohne Hirten, denn auch dazu bestünde kein Anreiz. Die Freiheit aber lebt im Widerspruch. Nur wenn wirksame Gegensätze immer wieder aufgeworfen und neu gedanklich bestimmt werden, können aktuelle Umstände sowie Optionen zu deren Veränderung sichtbar werden.

Die Bedeutung der Worte

Sokrates wies darauf hin, dass die Menschen klare Begriffe verwenden sollen, sonst blieben sie in unreflektierter Verwirrtheit gefangen. Er war erschüttert, dass seine Mitbürger nicht wussten, was zentrale Begriffe wie Tapferkeit, Gerechtigkeit, Liebe, Weisheit usw. bedeuteten. Sie waren als Grundbegriffe anerkannt und im Alltag gebräuchlich, jedoch verstand es keiner der sokratischen Gesprächspartner, sie zu definieren.

So entwickelte er seine Methode der Mäeutik, der Hebammenkunst, mit deren Hilfe diese Fragen beantwortbar wurden. Gewohnte Denkweisen sollten durch Ironie erschüttert, und mittels nachfolgender gründlicher Reflexion veränderbar werden. So wurde es möglich zu überprüfen, ob jene luftigen Ideen und unreflektierten Werte, die man bejaht, in sich stimmig sind und ob sich sogar systematische Zusammenhänge zwischen ihnen ergeben.

Das Wesen der Dinge

Auch Aristoteles wollte uns mit dem Denken vertrauter machen. Er fragte, wozu etwas gut sei, und sah in diesem Guten seine spezifische Tugend, egal ob es sich um ein Ding, ein Lebewesen, eine Gemeinschaft oder das Absolute handelte. Wozu ist eine Regierung gut, wofür sind Ökonomie oder Geld da, was ist das Wesen der Kunst? Heute würde er uns darin bestärken zu fragen, was etwa die spezifische Tugend freier Meinungsäusserung gegenüber den Manipulationen in den Massenmedien sei, wie es um das Verhältnis von freier Liebe, Ehe oder Pornografie stehe, oder worin der spezifische Unterschied zwischen einem Drogenkonsumenten und einem rücksichtlos nach Karrierezielen Strebenden bestehe.

Um hier be-urteilen zu können, rät er uns mittels Abduktion (Apagoge) – dass etwas sein kann, Deduktion – dass etwas sein muss, und Induktion – dass etwas tatsächlich wirksam ist, Kategorien zu bilden. Mit diesen Schlussweisen könnten wir brauchbare Kriterien gewinnen.

Sich den Ängsten stellen

Doch dreht es sich in den verschiedenen philosophischen Schulen nicht nur um das genauere Denken. Die antiken Stoiker bemühten sich darum, das Problem der Angst zu lösen. Sie erkannten, dass wir nicht nur dann Angst haben, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, sondern schon ängstlich sind, während noch alles gut läuft und wir nur annehmen, dass etwas passieren könnte.

Die sogenannten Schicksalsschläge als schwarze Schwäne (die es übrigens wirklich gibt) kommen ohnehin meist nicht aus der Richtung, wo wir die Gefahr schon zu sehen glauben. Wir sollten uns daher gegen diese einschränkende Angst unempfindlich machen, indem wir uns ihr stellen, sie gleichsam durchdringen, um dadurch zu mehr Gelassenheit zu finden.

Philosophie damals...

Die Weisheiten der Philosophie sollen nach heute üblichem Verständnis vor allem aus Büchern rezipierbar sein. In der Vergangenheit waren es aber wesentlich Gespräche, die Menschen dazu brachten, ihr Denken und Handeln zu reflektieren. Es war nicht ungewöhnlich, einen philosophisch Gebildeten um sich zu haben, erschien er in den Augen der anderen auch als Magier oder Hofnarr. Zu Philosophieren wurde in jenen Kreisen, die mit Führungsaufgaben betraut waren, als wichtig angesehen. Der deutsche Universalgelehrte Leibniz etwa ging im 17. Jhdt. an den Fürstenhöfen ein und aus und korrespondierte in über 15.000 Briefen und an mehr als eintausend Adressaten mit den Eliten der damals bekannten Welt. Philosophie wurde nicht als esoterisches Extra angesehen oder als exotisches Abwechslungsangebot im Fortbildungskatalog geduldet.

... und Heute

Heute tut man diese frühere Praxis im betriebswirtschaftlich orientierten, ökonomischen Kontext fast reflexartig als unnütz ab, so als sei die Philosophie eine Privatsache wie der religiöse Glaube, Hauptsache die Zahlen stimmen. Man könne ja gern nebenbei da oder dort eine Weisheit aufschnappen, nachplappern und damit vor anderen glänzen.

Es gibt noch zu wenige Formate, ob institutionell oder frei, um in unserer schnelllebigen Zeit die Auseinandersetzung mit der Weisheit tief in Organisationen hinein zu bringen, die sich immer noch an kurzfristigen Zielen messen und nicht am eigenen Unternehmenswohl. Sofern ist die praktische Philosophie herausgefordert. Doch die Sehnsucht danach besteht, und das nicht nur in den wenigen hellen Momenten, wenn die Angst davor wieder einmal hochkommt, dass das ganze System gerade mit Vollgas gegen die Wand fährt. Dazu, siehe oben... Vielleicht wird in naher Zukunft, und die Zeichen dafür sehen gut aus, in der Öffentlichkeit der Wert philosophischen Denkens noch deutlicher gesehen.

... und in Zukunft

Philosophie wird immer gefragt bleiben, wenn Menschen beschließen frei über ihr eigenes Leben, das Zusammenleben und -arbeiten mit anderen nachzudenken, wo Mutige sich von allen konventionellen und normativen Einschränkungen zu lösen wagen. Diese wollen im vertiefenden Nachdenken und im Dialog mit Gleich- und Andersgesinnten Orientierung durch Infragestellung der Denkform selbst finden, um dadurch mehr Selbstbestimmung zu gewinnen, um schließlich ihr gutes Leben zu gestalten.

Der Stoiker Zeno habe bei der Nachricht, dass all sein Vermögen bei einem Schiffsuntergang verloren gegangen sei, gesagt: Durch dieses Glück bin ich ein weniger belasteter Philosoph geworden. Es sind Antworten wie diese, die als philosophisch gelten, weil sie aus einer inneren Ruhe, langfristig denkend und rational abwägend, mit Geisteskraft und Haltung ausgesprochen werden. Wer von uns verfügt in einer vergleichbaren Situation über dieselbe innere Ruhe?

Leo Hemetsberger ist Philosoph und Unternehmensberater, lehrt Ethik an der Militärakademie, als Dozent am Institut für Kulturkonzepte sowie im postgradualen Lehrgang für Philosophische Praxis an der Universität Wien. Als EPU berät er Unternehmen zu Ethik und Compliance, ist Executive Coach, als Trainer in Unternehmen und im Verwaltungsbereich tätig. Er ist Obmann der Gesellschaft für angewandte Philosophie.

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