Chinas Börsen auf Achterbahnfahrt

9. Juli 2015, 14:27
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Mit dem neuen Börsenboom sollte Chinas Wirtschaft belebt und angetrieben werden, so das Kalkül von Politik und Notenbank

Peking – T-Shirt-Produzent Gao Li sprang erst im März auf den Börsenzug auf. Der 34-jährige Pekinger Kleinunternehmer, der mit 30 Angestellten seit Jahren Textilien produziert und verkauft, borgte sich bei einem Kredithai zehn Millionen Yuan (fast 1,5 Millionen Euro). Er belieh seine Eigentumswohnung und die Firma. Den Kredit schloss er auf ein Jahr ab mit Zinszahlungen von 2,88 Millionen Yuan, monatlich 240.000 Yuan oder umgerechnet 35.000 Euro. Gao, der seinen wirklichen Namen nicht genannt sehen möchte, kaufte Aktien, die im Mai schon bei 13 Millionen Yuan standen. Dann schmierten die Kurse ab. Am Mittwoch waren seine Wertpapiere nur noch 5,5 Millionen Yuan wert.

Teufelskreis

"Ich habe zu lange gewartet, bin nicht rechtzeitig ausgestiegen," ärgert er sich. Gao kriegt nun nicht mal das Geld für die nächste Rate seiner Zinsen im August zusammen. Wenn sein Kreditvertrag kommenden März fällig wird und sich die Kurse nicht erholt haben, ist er seine Wohnung los und wird sein Unternehmen verkaufen müssen. "Ich weiß nicht, wie ich in diesen Teufelskreis geraten konnte."

Bei den Massen an Spekulanten, die seit Mai in den umkippenden Markt investierten und dabei mehr als 50 Prozent verloren, ist der Katzenjammer groß. Gao ist eines von Millionen Opfern, die sich vom kreditfinanzierten Aktiengeschäft verlocken und anstecken ließen. Seither herrscht bei täglich fallenden Kursen an den Börsen Verzweifelung unter der riesigen Zockergesellschaft, die sich in China formiert hat.

Hoffnung besteht weiter

Woanders wäre sie ein gärender Nährboden für politischen Unmut, den Peking überall fürchtet. Doch wer Gao und andere gebeutelte Kleinanleger nach der Verantwortung an ihrer Misere fragt, hört von ihnen meist nur: "Sie selbst." Das Stimmungsbild bestätigte die Webseite "Fenghuang" mit der Umfrage: "Glauben Sie, dass der Börsenboom zu Ende ist?" Bis Donnerstag, als die Aktienkurse nach massiver Intervention des Staates im Schanghaier Markt bis zum Börsenschluss erstmals wieder um 5,8 Prozent stiegen, bejahten das zwar fast 59 Prozent von 368.000 Befragten. Fast 70 Prozent gaben an, bisher Geld verloren zu haben. Doch 30 Prozent hegten noch Hoffnung, dass es wieder aufwärts geht.

Die wahren Verantwortlichen für die Börsenblase, die nun platzte, sitzen in Partei, Regierung und Zentralbank. Seit vergangenem Sommer warfen sie alle wirtschaftliche Vernunft über Bord, als sie den künstlichen Boom an den Aktienmärkten entfachten. Dahinter verstecke sich politisches Kalkül, schreiben Experten vom Berliner China-Studien-Institut Merics. Mit dem neuen Börsenboom sollte Chinas Wirtschaft belebt und angetrieben werden, die Unternehmen entschuldet und die gesellschaftliche Nachfrage durch reich gewordene Mittelständler stimuliert werden.

Die Zentralbank senkte mehrfach ihre Zinsen, um die Bevölkerung zu ermuntern, ihre Ersparnisse in Aktien anzulegen. Die Politik ermunterte die Kleinanleger, und die Börsenaufsicht förderte die Gründung zahlloser Wertpapiergesellschaften. Jeder Kleinanleger konnte sich Börsenzugang über seinen PC verschaffen und dabei großzügig sein Eigenkapital kreditmäßig aufstocken.

99 Prozent Kleinanleger

Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. Der Kantoner Tageszeitung "Guangzhou Ribao" fiel Anfang Juni auf, wie die Zahl der aktiven Spekulanten in China auf mehr als 100 Millionen Personen anschwoll, darunter 99 Prozent Kleinanleger. Mit 189 Millionen Konten kauften sie sich bei den chinesischen A-Aktienmärkten ein, von Taxifahrern, Studenten bis zu Großmüttern. Allein 16 Millionen Einwohner – oder jeder Siebte – in Südchinas Provinz Guangdong spekulierten an der Börse, schrieb die Zeitung.

Pekings Rechnung ging zunächst auf. Die drei Börsen des Landes legten wertmäßig in nur zwölf Monaten umgerechnet fast drei Billionen Euro an Aktienwerten zu. Das war ein Vielfaches der 600 Milliarden Euro schweren Infrastrukturprogramme, die der damalige Premier Wen Jiabao Ende 2008 aus dem Boden stampfte, um die Wirtschaft Chinas von der Weltfinanzkrise abzukoppeln.

Suche nach Finanzierungsquellen

Parteichef Xi Jinping und Premier Li Keqiang suchen ebenfalls nach neuen Quellen der Finanzierung, um trotz fallendem Wirtschaftswachstum ein großes Rad zu drehen, von ihren ehrgeizigen Expansionsplänen wie der Seidenstraßen- und Korridorstrategie nach außen bis zu gigantischen Urbanisierungsplänen und Umgestaltungen nach innen. Doch bei der Börse überdrehten sie. Die Blase musste platzen und droht ihnen nun einen Strich durch viele Rechnungen zu machen.

100 Millionen gebeutelte Kleinanleger beleben nicht gerade den nach Nachfrage lechzenden Binnenmarkt. Zugleich haben Pekings Wirtschaftsplaner ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt, reife Kapitalmärkte nach innen managen zu können. Die Auswirkungen auf die Internationalisierung der chinesischen Währung und andere marktwirtschaftliche Zielsetzungen sind noch nicht absehbar. Chinas Führung handelte daher nicht nur aus Angst vor Verlust an Kontrolle der politischen und sozialen Stabilität mit einem Trommelwirbel an Staatseingriffen, um das Abschmieren der Börsen zu stoppen. Plötzlich schaute alle Welt nicht mehr auf das Chaos von Griechenland, sondern auf das im stolzen China.

Verordnetes Verkaufsverbot

Nachdem die Reihe beispielloser Eingriffe wie Strohfeuer verpuffte, fuhr Peking schweres Geschütz auf. Zuerst wurden 29 geplante Aktienemissionen storniert. Dann wurde allen Staatsunternehmen verboten, "von sofort an" Aktien ihrer Gesellschaften zu verkaufen. Sie dürfen nur noch kaufen. Besitzer großer Aktienpakete mit mehr als fünf Prozent Anteil an einem Unternehmen dürfen sie sechs Monate lang nicht veräußern, meldete die Nachrichtenagentur Xinhua. Auch alle staatlichen Mehrheitsgesellschafter der Geschäftsbanken des Landes verpflichteten sich, ihre Anteile nicht zu verkaufen, um die Börsenkrise nicht auch noch zur Bankenkrise werden zu lassen.

Peking zog alle Register aus der Zeit der alten Kommandowirtschaft. Dazu gehörte am Donnerstag die dramatische Inspektion der Börsenaufsicht durch den Vizeminister für Sicherheit Meng Qingfeng. Er ließ angebliches Shortselling und Insiderhandel aufdecken und bestrafen. Anfangs wurden über Gerüchte auch Ausländer beschuldigt, Hintermänner des Börsenchaos zu sein, bis jemand entdeckte, dass sie sich gar nicht auf den einheimischen A-Märkten engagieren dürfen.

Unter dem Zeichen der sozialistischen Marktwirtschaft wurde plötzlich alles erlaubt, was in keiner anderen Marktwirtschaft geht. Bis Donnerstagmorgen etwa baten 1.429 Aktiengesellschaften die Börsenaufsicht, den Handel mit ihren Papieren auf unbestimmte Zeit auszusetzen. Insgesamt wurden so 51 Prozent der rund 2.700 chinesischen A-Aktien eingefroren.

Vertrauensverlust

Kritik am zuerst von Peking geförderten Börsenwahn und nun an der Rückkehr der Kommandowirtschaft, um den Hype zu bekämpfen, wurde im Internet fast komplett zensiert. Der bekannte Soziologe an der Universität Qinghua, Sun Liping, bloggte dennoch am Donnerstag: "Dieser Börsenabsturz wird vielleicht langfristige Folgen haben. An erster Stelle trifft es die Herrschenden, die ihr Vertrauen in ihre Macht verlieren. Sie glaubten, wenn sie die Macht haben, können sie alles tun, was sie wollen. Derzeit haben sie noch Möglichkeiten, mit allen Mitteln den Markt zu retten. Aber in ihrem Inneren wissen sie, dass sie gerade noch einmal davonkommen, aber auch, wie groß der Preis dafür ist, den sie zahlen."

Die Zensur löschte aber auch einen Videolink zu Chinas Reformarchitekten Deng Xiaoping nicht. Er erinnerte an Dengs berühmt gewordene Südchinareise 1992. Deng brach damals eine Lanze für mehr Marktwirtschaft und für eigene Börsen. "Sind Wertpapiere und Aktien etwas Gutes, oder gefährlich, weil sie per se kapitalistisch sind, oder könnten sie auch im Sozialismus genutzt werden? Wir sollten entschlossen sein, das einmal auszuprobieren. Wenn sich Aktienmärkte als richtig erweisen, sollten wir sie ein, zwei Jahre ausprobieren und dann öffnen. Wenn sie schieflaufen, dann können wir sie doch auch wieder schließen."

Fast 25 Jahre nach Dengs Kredo für die Öffnung der Börsen erinnern sich seine Nachfolger nur noch an den Schlusssatz. Sehr weit entfernt ist das angeblich marktwirtschaftliche China nicht mehr davon, falls die Kurse weiter fallen. (Johnny Erling aus Peking, 9.7.2015)

  • China stemmt sich mit radikalen Maßnahmen  gegen die Börsen-Talfahrt.
    foto: reuters

    China stemmt sich mit radikalen Maßnahmen gegen die Börsen-Talfahrt.

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