Österreich unterstützt Nobelpreisträgerin bei Erhalt von Nebelwald

10. Juli 2015, 14:10
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Rigoberta Menchú Tum kooperiert mit dem österreichischen Umweltministerium, Bedürfnisse Indigener stehen im Vordergrund

In den Nebelwäldern von Guatemala herrscht üppiges Grün. Die Baumstämme sind bis zur Krone mit Moosen bewachsen. Die hohe Luftfeuchtigkeit wird dadurch aufgesaugt und langsam an den Boden abgegeben. Namensgebend ist der Nebel, der entsteht, wenn die aus der Karibik kommenden warm-feuchten Luftmassen auf die kühlfeuchte Luft aus dem Pazifikraum treffen, weshalb es oft regnet. Ein ideales Klima auch für viele Orchideenarten. Doch diese Oase gerät immer mehr unter Druck. Wo einst dichte Vegetation war, ragen teilweise nur noch kahle Baumstämme wie Zahnstocher aus verbranntem Boden. Das ist nicht nur für Flora und Fauna eine Katastrophe: Zahlreichen indigenen Völkern wird die Lebensgrundlage entzogen.

Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú Tum ist über die Agentur "Art of Reconsiliation" an das österreichische Umweltministerium herangetreten, bei der Erstellung eines Konzeptes für nachhaltige Nutzung des Waldes zu helfen. Die Ernährungssicherheit der Bergbauern, die dem Stamm der Maya angehören, soll dadurch gesichert werden. Umgesetzt wird das Projekt nun vom Bundesforschungszentrum für Wald (BFW).

Das Gebiet umfasst insgesamt rund 1125 Hektar, davon sind 250 Hektar primärer Nebelwald. Der Rest entfällt auf Sekundärwälder sowie Brandrodungsflächen, die landwirtschaftlich genutzt werden. Sekundärwälder gleichen eher Strauchwerk und sind dem ursprünglichen Nebelwald hinsichtlich Biodiversität, Wasserregulierung und Kohlenstoffspeicherung deutlich unterlegen.

Naturschutz und Menschenrechte

"Das Gebiet ist vom Kampf der indigenen Bevölkerung um ihre Landbesitz- und Landnutzungsrechte geprägt", sagt Peter Mayer, Leiter des BFW. Über die Jahrhunderte der Kolonialherrschaft hinweg war den Indigenen eines Maya-Stammes Landbesitz vorenthalten worden. Auch die Nutzungsmöglichkeiten wurden durch die Landnahme Nicht-Indigener eingeschränkt. Noch in den 1970er- und 1980er-Jahren wurden die Indigenen verfolgt und ermordet. Von den ursprünglich im Projektgebiet lebenden 57 Familien wurden 53 ausgerottet.

1996 wurde zwischen der Regierung Guatemalas und der Vertretung der Indigenen ein Friedensvertrag geschlossen. Rigoberta Menchu Tum war daran maßgeblichen beteiligt. Die Menschenrechtsaktivistin konnte das Recht erwirken, das Land ihrer Heimatgemeinde Laj Chimel dem Staat Guatemala – wohlgemerkt – abkaufen zu dürfen und den dort heute ansässigen Familien zu überschreiben. Die Projektfläche ist damit im rechtmäßigen Besitz der heute dort wieder lebenden 37 indigenen Familien.

Eigene Kultur der Bewirtschaftung

Ende April bis Anfang Mai führte eine österreichische Delegation vor Ort erste Gespräche und besichtigte den Wald. Ein erster Schritt war die gemeinsame Bestandsaufnahme der Waldverhältnisse, um das ökologische und wirtschaftliche Potenzial des Waldes, die Zielvorstellungen der Waldbesitzer und Probleme mit der gegenwärtigen Nutzungspraxis abschätzen zu können.

"Die Indigenen haben eine eigenständige Kultur der Landbewirtschaftung, die es zu respektieren gilt", sagt Mayer. Wiederaufforstung ist daher nur ein Teil, nachhaltige Nutzung des Waldes für Brennholz, zum Schutz der Biodiversität und zur Erhaltung spiritueller Orte sollen im Vordergrund stehen. "Der Wald ist stark mit der Identität der Indigenen verbunden", sagt Mayer.

Brandrodung und Brennholznutzung

Eines der gravierendsten Probleme ist Brandrodung. Auf etwa ein bis zwei Hektar Größe wird Wald zerstört und anschließend Mais angebaut oder Vieh gehalten. Häufiger Regen wäscht die Nährstoffe aus dem Boden. Diese Landwirtschaftsform ist daher meist nur kurze Zeit erfolgreich, immer neue Waldflächen müssen gerodet werden.

Zudem ist Brennholz für das tägliche Kochen und Heizen wichtig. Es wird von Bäumen in nächster Nähe bezogen und händisch transportiert. "Nachhaltigkeitsplanungen gibt es dafür nicht", sagt Mayer. Die dauerhafte Versorgung mit Brennholz und die Nachhaltigkeit des Waldes ist gefährdet. Baumkronen, die für den Erosionsschutz höchst sinnvoll wären, verschwinden.

Landverkauf aus Geldnot

Ein dritter Punkt betrifft den Verkauf von Waldanteil für schnelles Geld. Die Käufer sind in der Regel keine Indigenen. "Ihre Absicht, Land zu erwerben, hat häufig mit der Hoffnung zu tun, dort auf wertvolle Bodenschätze zu stoßen", so Mayer.

Konkrete Maßnahmen werden erst gesetzt, wenn das Pilotprojekt von den Maya als sinnvoll anerkannt wird, betont Mayer. (Julia Schilly, 10.7.2015)

  • Ein Drittel von Guatemala ist mit Wald bedeckt, wie hier im Tikal National Park.
    foto: der standad/frans lanting/picturedesk.com

    Ein Drittel von Guatemala ist mit Wald bedeckt, wie hier im Tikal National Park.

  • Brandrodung ist eine verbreitete Form der Landnutzung. Dadurch werden Primärwälder zerstört. Häufiger Regen schwemmt die Nährstoffe aus dem ungeschützten Boden.
    foto: bundesforschungszentrum für wald/schadauer

    Brandrodung ist eine verbreitete Form der Landnutzung. Dadurch werden Primärwälder zerstört. Häufiger Regen schwemmt die Nährstoffe aus dem ungeschützten Boden.

  • Rigoberta Menchú Tum setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte der Indigenen in Guatemala ein. Sie bekam dafür 1992 den Friedensnobelpreis und war damals die jüngste Preisträgerin.
    foto: bmlfuw

    Rigoberta Menchú Tum setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte der Indigenen in Guatemala ein. Sie bekam dafür 1992 den Friedensnobelpreis und war damals die jüngste Preisträgerin.

  • Eine österreichische Delegation des BFW bei einem Besuch in den Nebelwäldern.
    foto: bundesforschungszentrum für wald/schadauer

    Eine österreichische Delegation des BFW bei einem Besuch in den Nebelwäldern.

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