Draußen sein ... mit dem Helm, der tut, wozu er gemacht wurde

12. Juli 2015, 18:56
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Man muss weder riskant fahren noch einen schweren Unfall haben, um rauszufinden, wovor einen ein Radhelm bewahrt.

Dass hier jetzt ein zweites Mal ein POC-Helm vorkommt, ist Zufall. Ich hoffe nämlich, dass auch jeder andere Radhelm genau das getan hätte, was dieser hier (der Vollständigkeit halber: Ein "POC Octal Raceday") vergangenen Sonntag tat: Den "echten" Test bestehen – und seinem Träger das Leben retten nämlich. Jedenfalls sahen das die beiden freundlichen Polizistinnen und ich so, als ich vergangenen Sonntag kurz nach acht Uhr früh in der Äußeren Mariahilferstraße vor einem Wettkaffee antanzte – um das Rad eines Freundes abzuholen.

15 Minuten davor hatte das Telefon geklingelt: "Ich bin grad in der Rettung. Hatte einen Unfall. Aber: Kannst Du mein Rad holen fahren? Ich melde mich später." Der gute Mann war am Weg zum Treffpunkt für eine Gruppenausfahrt gewesen. Und gemütlich stadtauswärts gefahren. Knapp über 20 km/h, verriet uns sein Tracker danach. Um den Autofahrern das Leben und Überholen nicht unnötig schwer zu machen, fuhr er dort, wo ich – am Rennrad – ganz bewusst nie fahre, wo die StVO aber alle Nicht-Rennräder verpflichten hinschickt: Auf dem Mehrzweckstreifen.

foto: thomas rottenberg

"Getürt werden"

Mein Freund hatte nichts falsch gemacht. War weder schnell, noch unaufmerksam noch riskant, schlecht sichtbar oder sonst wie "unfallbegünstigend" unterwegs. Aber er hatte nicht die geringste Chance. Das bestätigte ihm, den Polizistinnen und mir auch der – als ich ankam immer noch – totenblasse Unfallgegner: "Ich habe eingeparkt – und die Fahrertüre geöffnet. Ich hab einfach vergessen, zu schauen." Blöderweise war mein Kumpel einfach zur falschen Zeit am falschen Ort: "Dooring", also "getürt werden" nennt man das. Klingt lustig – ist es aber absolut nicht: Als ich 17 war, hatte ein Klassenkollege noch genügend Zeit zu reagieren und wich der Tür aus. Der Autofahrer hinter ihm reagierte zu langsam. Edi lag zwei oder drei Wochen mit schwersten Schädelverletzungen im Krankenhaus. Das Begräbnis war fürchterlich.

Jetzt, vergangenen Sonntag, hatte mein Freund Glück. Nach dem Tante Jolesch Prinzip: "Möge der liebe Gott uns vor allem behüten, was ‚noch ein Glück’ ist". Jedenfalls konnte der Autofahrer hinter ihm rechtzeitig bremsen und ausweichen: "Ich kann mich an nix erinnern. Plötzlich lag ich auf der Straße und rechts hat mir alles weh getan."

Der Türaufreißer reagierte – zumindest jetzt – richtig: Barg den Verletzten. Rief Polizei und Rettung. In der Rettung kam dann die erste Diagnose: Ziemlich sicher Brüche in der rechten Hand. Prellungen rechts von der Schulter über die Arme, die Seite bis zu Hüfte, Knie bis zum Knöchel. Abschürfungen. Und "ein paar Kratzer" am Helm.

foto: thomas rottenberg

Zweiter Blick

15 Minuten später stand ich am Unfallort. Und sah mir mit den Polizistinnen den Helm genauer an: "Ein paar Kratzer". Auf den ersten Blick hatte er im Nackenbereich halt ein paar Fahrer abbekommen. Und weiter oben, zentral über dem Hinterkopf, war eine kleine Scharte in die harte Außenschale geschlagen. Nix Gröberes also.

foto: thomas rottenberg

Auf den zweiten Blick war die kleine Scharte nur der offensichtlichste "Treffer" an der Außenhaut: Die vorher glatte Plastikschale schlug links und rechts Wellen. Auch in Richtung der Schläfen schien sich das Plastik vom Untermaterial abgehoben zu haben.

foto: thomas rottenberg

Deformiertes Styropor

Wir drehten den Helm um: Das dämpfende Styropor innen war an mehreren Stellen gebrochen. Eingerissen. Deformiert. Lauter marginale, winzige Kleinigkeiten. "Na Servas", entfuhr es einer der Beamtinnen. "Und jetzt stellen wir uns einfach kurz vor, wie der Hinterkopf von deinem Freund jetzt ohne Helm aussähe." Nein, das stelle ich mir lieber nicht vor. Trotzdem hätte ich mich jetzt gerne kurz hingesetzt. Gleich neben den Unfalllenker, der sich jetzt zum dritten oder vierten Mal bei mir entschuldigte. "Ich wollte das doch nicht. Ich hab doch nur die Tür aufgemacht …"

Mein Freund hatte Glück: Brüche der rechten Mittelhandknochen. Prellungen. Schürfungen. Peitschenschlagsyndrom. Schleudertrauma. Das Rad ein Totalschaden (Risse im Carbonrahmen). Der Urlaub – eine vierwöchige Auto-Rundreise durch die USA – abgesagt ("sie sollten so nicht lange Autofahren"). Die Starts bei ein paar Hobbyrennen und -läufen der nächsten Monate und sein erster Triathlon mehr als fraglich.

Glück? Ja. Als ich meinem Freund Fotos seines Helms ins Krankenhaus schickte, war er "mehr als glücklich: Das sind Peanuts."

Epilog: Später, gegen 15 Uhr am Nachmittag, ging dann der Outdoor-Gear-Text über meinen eigenen Helm online. Prompt posteten etliche Schlaumeier, dass Radhelme per se unnötig seien. Ihnen allen widme ich diesen Text. Und wünsche ihnen, dass sie nie am eigenen (oder eines Bekannten) Leib draufkommen müssen, dass sie sich vielleicht doch irren. (Thomas Rottenberg, 12.7.2015)

  • Das wahre Fitnesscenter ist draußen. Und der große Abenteuerspielplatz Outdoor zieht Kinder jeden Alters immer mehr in seinen Bann. Deshalb testet Thomas Rottenberg wöchentlich "Spielzeug", das für Spaß, Sport oder sonst was im Freien gedacht und gemacht ist. Selbst, streng – und subjektiv.

    Im Sinne der Compliance-Regeln des STANDARD halten wir fest: Die getesteten Teile wurden und werden uns in der Regel von den Herstellern und/oder ihren PR-Agenturen für einen beschränkten Zeitraum zur Verfügung gestellt. Andernfalls – etwa bei von Freunden Geborgtem, selbst Gekauftem, aus logistischen, verschleiß- oder verschmutzungstechnischen Gründen nicht Refundierbarem oder Dingen, die uns so gut gefallen, dass wir sie nicht mehr hergeben können/wollen – wird das im Artikel angeführt.

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