Das Internet, die Medien und die Vertrauensfrage

Blog10. Juli 2015, 05:30
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Antje Schrupp über das Vertrauen in Medien und die Verantwortung, sich Gedanken über den Wahrheitsgehalt von Informationen zu machen

Vor ein paar Tagen las ich diesen Artikel hier in der FAZ über eine Umfrage zum Thema: Welchen Medien vertrauen wir? Das nicht ganz überraschende Ergebnis lautet: Qualitätszeitungen vertrauen wir ziemlich, dem Fernsehen so mittelmäßig, den sozialen Medien weniger, aber der "Bild"-Zeitung noch weniger.

Natürlich ist der Artikel auch ein Versuch der traditionellen Medien, sich angesichts ihrer Krise ein bisschen selbst Mut zu machen, und das ist ja auch legitim. Allerdings musste ich doch etwas schmunzeln, als ich die Schlussfolgerungen des Autors darüber las, dass Twitter und Facebook als so wenig vertrauenswürdig eingestuft werden.

Protestmedien Facebook, Twitter & Co?

Er schreibt: "Letzteres ist in dieser Deutlichkeit überraschend, zumal in dieser Bewertung alle Befragten ausgeschlossen sind, die mit den sozialen Medien nichts anfangen können. Selbst bei den unter Dreißigjährigen und bei Menschen, die das Internet mehr als zwanzig Stunden wöchentlich nutzen, erhalten soziale Medien unter dem Aspekt der Glaubwürdigkeit ziemlich schlechte Werte. Sie werden offenkundig als Austausch-, Meinungs- und Protestmedium erlebt und nicht als relevante Informationsquelle."

Da würde ich sagen, dass jemand die Dynamik, um die es hier geht, ziemlich missversteht. Denn jede, die Facebook und Twitter halbwegs regelmäßig nutzt, müsste ja plemplem sein, wenn sie diese Medien als solche für "vertrauenswürdig" halten würde in dem Sinne, dass alle dort vorfindlichen Informationen wahr sind. Es ist ja wohl offensichtlich, dass man Informationen aus einem Medium, in das alle nach Belieben hineinschreiben können, was sie wollen, nicht einfach ungeprüft glauben kann. Und natürlich ist mein Vertrauen höher, wenn ich weiß, dass die Quelle der Information ein Medium ist, in dem eine Redaktion eigens dafür bezahlt wird, den Wahrheitsgehalt der weitergegebenen Informationen zu prüfen (allerdings auch nicht absolut).

Soziale Medien sind relevante Informationsquellen

Also: Selbstverständlich glaube ich nicht, dass alles oder auch nur das meiste von dem, was auf Facebook und Twitter gepostet wird, "vertrauenswürdig" ist. Aber heißt das, dass soziale Medien deshalb keine "relevante Informationsquelle" für mich sind? Was für ein Quatsch!

Sie sind als Informationsquellen ja gerade deshalb relevant, weil sie ungefilterten Zugang zu Quellen, Meinungen und Positionen bieten. Und zwar gerade dann, wenn man sich mit einem Thema tiefer befasst, also mit dem bisschen, was es dazu in die Zeitungen schafft, nicht ausreichend bedient wird. Dass Politikerin X eine falsche Tatsache zum Thema Y verbreitet, ist für sich genommen durchaus eine Information, gerade weil nicht wahr ist, was sie sagt. Es verschafft mir nämlich relevante Informationen über ihren Diskussionsstil. Dass die politische Bewegung Z ihre ganz spezielle interessengeleitete Sicht auf irgendein Phänomen postet, kann ebenfalls eine relevante Information sein, ganz unabhängig davon, ob diese Sicht "vertrauenswürdig" ist. Denn es hilft mir, die Anliegen dieser Bewegung besser zu verstehen.

Hinterfragen von Informationen

In Zeiten des Internets gehört es ganz einfach zur grundlegenden Medienkompetenz, die alle Menschen benötigen, sich Gedanken über den Wahrheitsgehalt einer Information zu machen. Es ist eine Kompetenz, die wir heute nicht mehr einfach an die Redaktionen unseres Vertrauens abgeben können.

Das bedeutet aber eben nicht, dass diese Informationen nicht relevant sein können. Denn relevant ist heute eben nichts, was sich objektiv festlegen ließe, sondern etwas, das vom Interesse der recherchierenden und denkenden Person selber abhängt. (Antje Schrupp, 10.7.2015)

Antje Schrupp stellt dieStandard.at in regelmäßigen Abständen Beiträge ihres Blogs zur Veröffentlichung zur Verfügung.

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    foto: derstandard.at

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