Kartell-Kommission: Günstigeres Umfeld für eventuelle Fusion Springer/Pro7

9. Juli 2015, 11:50
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Deal scheiterte 2005 – KEK-Chef: ProSiebenSat.1 verlor leicht an Zuschaueranteilen, Springer hat Portfolio verändert – "Wenn es zu einer Fusion kommt, dann müssten wir uns das sehr genau anschauen"

Unterföhring/Berlin – Das Umfeld für einen neuen Fusionsanlauf von Axel Springer und ProSiebenSat.1 ist nach Ansicht des obersten deutschen Medienwächters womöglich günstiger als vor rund zehn Jahren.

"Die Ausgangslage hat sich insoweit geändert, als dass ProSiebenSat.1 leicht an Zuschaueranteilen verloren hat und Springer sein Portfolio verändert hat", sagte der Chef der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK), Ralf Müller-Terpitz, am Donnerstag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. Zu konkreten Aussichten für eine Prüfung durch die KEK äußerte sich der Rechts- und Medienexperte nicht. "Wenn es zu einer Fusion kommt, dann müssten wir uns das sehr genau anschauen."

2005/6 gescheitert

Springer und ProSiebenSat.1 loten Insidern zufolge eine vertiefte Zusammenarbeit aus. Der Herausgeber von "Bild" und "Welt" wollte bereits 2005 den Fernsehsender übernehmen. Der Deal scheiterte aber am Bundeskartellamt und an der KEK. "Während das Kartellamt die Wettbewerbssituation unter die Lupe nimmt, schauen wir uns an, ob ein fusioniertes Unternehmen in der Lage ist, die Meinung der Bürger vorherrschend zu beeinflussen", sagte Müller-Terpitz. "Wir sind ja zunächst zu gleichen Ergebnissen gekommen. Das muss aber nicht zwingend so sein", fügte er mit Blick auf 2006 hinzu.

2014 aufgehoben

Damals hatten die Wettbewerbshüter die Fusion wegen drohender Marktmacht verboten. Auch die KEK hatte ihr grünes Licht verweigert und dies damit begründet, dass die Marktmacht des vereinten Konzerns zu groß gewesen wäre. Anfang 2014 kassierte das Bundesverwaltungsgericht diese Einschätzung jedoch wie berichtet. Deshalb sei es sicher kein Zufall, dass die Medienhäuser nun über einen neuen Anlauf nachdächten und sich offensichtlich gute Chancen ausrechneten, sagte Müller-Terpitz. Die KEK würde dann prüfen, auf welchen Zuschaueranteil ProSiebenSat.1 komme. "Zudem müsste man sich alle Aktivitäten von Springer im Medienbereich ansehen – etwa bei Print, Hörfunk und Online."

"Veränderter Sachverhalt"

Springer hatte 2013 einen Großteil seines traditionellen Printgeschäfts an die Essener Funke-Gruppe, die in Österreich an der "Kronen Zeitung" und am "Kurier" beteiligt ist, verkauft – darunter Regionalzeitungen ("Hamburger Abendblatt"), Frauen- und Programmzeitschriften ("Hörzu"). "Aus meiner Sicht ist das ein veränderter Sachverhalt", betonte Müller-Terpitz.

"Geist der 90er"

Der KEK-Vorsitzende monierte, die aktuelle Gesetzeslage stelle das Fernsehen zu stark in den Mittelpunkt und berücksichtige zu wenig die geänderte Mediennutzung wie das Aufkommen des Internets. "Das gegenwärtige Medienkonzentrationsrecht atmet den Geist der 90er-Jahre.." Der Jurist von der Universität Mannheim räumte aber ein: "Fernsehen ist das Leitmedium und wird dies wohl noch auf Jahre hinaus bleiben." Das Internet hole auf, aber nur langsam, auch wenn jüngere Nutzer schon mehr im Netz seien als vor dem Fernseher.

Globale Riesen

Eine Kontrolle globaler Technikriesen wie Google & Co gebe es derzeit lediglich auf europäischer Ebene in puncto Wettbewerb. "Die KEK schaut nur darauf, ob ein Unternehmen Meinungsmacht hat und da gibt es im Moment keine Möglichkeit, etwas gegen Google oder Facebook zu unternehmen", sagte Müller-Terpitz. Diese Firmen würden "wie Staubsauger enorme Datenmengen sammeln, die sie effizient nutzen können, um Werbezeiten und -fläche zu verkaufen". Das sei ein Problem für die klassischen Medien. Deshalb appellierte der KEK-Chef an die Politik, Auflagen für heimische Firmen zu lockern. So könne man Fernsehsendern etwa erlauben, mehr Werbung pro Stunde zu senden. (APA/Reuters, 9.7.2015)

  • Springer und ProSiebenSat.1 suchen Gemeinsamkeit.
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    Springer und ProSiebenSat.1 suchen Gemeinsamkeit.

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