Microsoft: Der Nokia-Zerstörung letzter Akt

Analyse9. Juli 2015, 10:04
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Nach weiteren Massenenkündigungen ist kaum mehr etwas übrig vom finnischen Hersteller – Neue Mobilstrategie

Es scheint geradezu unvorstellbar: Noch vor wenigen Jahren war Nokia der größte Mobiltelefonhersteller der Welt. Davon ist nun praktisch nichts mehr übrig: Am Mittwoch verkündete Microsoft-Boss Satya Nadella, dass 7.800 Angestellte gekündigt werden sollen – der allergrößte Teil davon in der Windows-Phone-Hardwareabteilung angesiedelt, die direkt aus der Übernahme weiter Teile des finnischen Traditionsunternehmens entstanden ist.

Vorgeschichte

Damit setzt Nadella einen Schlussstrich unter eine Geschichte, die ihre Anfänge im Jahr 2010 nahm. Damals hatte Nokia, nach jahrelangen schweren strategischen Fehlentscheidungen und genereller Ignoranz gegenüber der Marktentwicklung, die Notbremse gezogen. Mit Stephen Elop holte man sich einen neuen CEO, der das Unternehmen fit für die Zukunft machen sollte. Und dieser entschied sich recht rasch, Nokia vollkommen umzukrempeln.

Wechsel

Statt Eigenentwicklungen wie Meego und Symbian – oder auch Googles Android – sollte Microsoft mit seinem Windows Phone das Unternehmen retten. Ob der Umstand, dass Elop vorher jahrelang bei Microsoft beschäftigt war, in seiner Entscheidung eine gewisse Rolle gespielt hat, ist bis heute ein beliebtes Thema für angeregte Spekulationen – ändert die Geschichte aber ohnehin nicht.

Konsequenzen

Was folgte, war eine Abfolge von Geräten, die alle eines gemeinsam hatten: Sie verkauften sich längst nicht so gut, wie es Nokia nötig gehabt hätte. Gleichzeitig führte die enge Partnerschaft zwischen Nokia und Microsoft dazu, dass sich praktisch alle anderen Hardwarehersteller aus der Windows-Phone-Welt zurückzogen.

Umarmung

Also wurde die Abhängigkeit zwischen den beiden Unternehmen noch größer, und als sich abzeichnete, dass Nokia nicht mehr lange so weitermachen könnte, traf der damalige Microsoft-CEO Steve Ballmer eine Entscheidung, die schon damals innerhalb des Windows-Herstellers reichlich umstritten war – und das Unternehmen nun teuer zu stehen kommt.

Verbrannte Milliarden

Die Übernahme von Nokias Mobilfunksparte wird als eine der kostspieligsten Altlasten, die je ein CEO einem anderen hinterlassen hat, in die Geschichte eingehen. 7,6 Milliarden US-Dollar wird Microsoft für die Abwicklung der Nokia-Reste abschreiben müssen – und damit sogar mehr als jene 7,2 Milliarden, die die erst vergangenes Jahr abgeschlossene Übernahme gekostet hat. Dazu kommen dann laut dem Unternehmen noch 750 – 850 Millionen an Umstrukturierungskosten durch die aktuelle Kündigungswelle.

Meinungsverschiedenheit

Der Grund dafür, dass es jetzt so schnell ging, liegt schlicht in grundlegenden Auffassungsunterschieden zwischen Ballmer und Nadella begründet. Während Ersterer gerne Microsoft als Hardwarehersteller positioniert hätte, sieht Nadella darin keine Zukunft und richtet sein Unternehmen ganz auf Cloud und "Mobile First" aus – und das inkludiert auch die offensive Unterstützung der Softwareplattformen der Konkurrenz. Dass Nadella gegen die Übernahme von Nokia war, ist übrigens ebenfalls kein großes Geheimnis.

Umstrukturierung

Die Massenenkündigungen bedeuten auch, dass Microsoft sein Mobilgeschäft grundlegend neu aufstellen muss – oder, wie es Nadella mit dem passenden Business-Euphemismus formuliert: "fokussieren". Es soll zwar vorerst weiter Smartphones von Microsoft geben, dabei will sich das Unternehmen aber auf drei Bereiche konzentrieren: den Low-End-Markt – wo man in den letzten Jahren gewisse Erfolge feiern konnte –, das Business-Segment und Flaggschiff-Geräte.

Outsourcing?

Angesichts der aktuellen Ankündigungen scheint es unwahrscheinlich, dass Microsoft diese Geräte weiterhin selbst produzieren wird. Gegenüber "ZDNet" wollte man entsprechende Nachfragen jedenfalls nicht kommentieren. Schon jetzt wird ein Teil der Microsoft-Smartphones von anderen Herstellern produziert.

Nexus-Anklänge

Wie diese Strategie in der Umsetzung dann tatsächlich aussieht, muss sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Sie klingt allerdings ähnlich zu dem, was Google mit seiner Nexus/Android-One-Reihe macht, also Vorzeigegeräte, deren Sinn es vor allem ist, die Richtung für das eigene Smartphone-Ökosystem vorzugeben und neue Märkte zu eröffnen.

Herausforderungen

Freilich gibt es hier einen entscheidenden Unterschied, wie "The Verge" herausstreicht: Rund um Android sind zahlreiche andere Hersteller aktiv, der Markt um das mobile Windows wird bisher praktisch im Alleingang von Microsoft bestritten. Es wird für Microsoft in den kommenden Monaten also essenziell sein, neue Partnerschaften zu schmieden; gelingt das nicht, wird man die eigene Mobilstrategie wohl einer weiteren Prüfung unterziehen müssen. (Andreas Proschofsky, 9.7.2015)

  • Von Nokias Mobilfunksparte ist mit der aktuellen Ankündigung durch Microsoft praktisch nichts mehr übrig.
    foto: lehtikuva / reuters

    Von Nokias Mobilfunksparte ist mit der aktuellen Ankündigung durch Microsoft praktisch nichts mehr übrig.

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