Papst in Bolivien: Hammer, Sichel und Kolonialismuskritik

10. Juli 2015, 07:22
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Franziskus aufgrund der dünnen Luft geschwächt – Treffen mit Staatschef Morales – Entschuldigung für "Sünden der Kolonialzeit"

Santa Cruz – Hunderttausende Menschen haben Papst Franziskus im Andenstaat Bolivien einen begeisterten Empfang bereitet. Von Staatspräsident Evo Morales erhielt der Argentinier am Flughafen von El Alto ein besonders Geschenk. Nachdem der Papst geschwächt in 4.000 Metern Höhe aus dem Flugzeug gestiegen war, hängte ihm Morales einen Beutel mit Kokablättern um und schenkte ihm ein geschnitztes Kreuz, das aus Hammer und Sichel zusammengesetzt ist.

Kokablätter helfen gegen die Höhenkrankheit, aber der 78-Jährige verzichtete auf den Konsum. Es ist der erste Papstbesuch seit 1988 in Bolivien.

Franziskus fehlt ein Teil des rechten Lungenflügels, daher war die Ankunft in der dünnen, sauerstoffarmen Luft nicht ohne Risiko. Nach einem daher auf wenige Stunden begrenzten Aufenthalt in der Metropole La Paz ging es in die größte Stadt, Santa Cruz im Tiefland, wo ebenfalls Hunderttausende "el Papa" feierten – der Argentinier hat auf seinem Heimatkontinent quasi ein Heimspiel. Nach Santa Cruz waren auch viele Argentinier gereist.

Kritik an Konsumgier

Dort geißelte der Papst am Donnerstag bei einer Messe vor über einer halben Million Menschen die Konsumgier in der Welt. Es gebe eine Logik, "alles in Käufliches zu verwandeln". Diese Logik ziele darauf ab, alle auszuschließen, "die nicht produzieren, die nicht als geeignet und würdig betrachtet werden." Er betonte, dass er an der Seite der Volksbewegungen und armen Länder stehe im Kampf gegen neue Formen von Kolonialismus. "Der neue wie der alte Kolonialismus, der die armen Länder zu bloßen Rohstofflieferanten und Zulieferern kostengünstiger Arbeit herabwürdigt, erzeugt Gewalt, Elend, Zwangsmigrationen und all die Übel, die wir vor Augen haben."

Zudem bat er um Vergebung für die im Namen der Kirche begangenen Verbrechen der Kolonialzeit. "Ich sage Ihnen mit Bedauern: Im Namen Gottes sind viele und schwere Sünden gegen die Ureinwohner Amerikas begangen worden", erklärte er. Wie schon Johannes Paul II. bat er, "dass die Kirche vor Gott niederkniet und von ihm Vergebung für die Sünden ihrer Kinder aus Vergangenheit und Gegenwart erfleht." Der Jesuit aus Argentinien betonte, er bitte demütig um Vergebung für die von der katholischen Kirche begangenen Sünden, aber auch "für die Verbrechen gegen die Urbevölkerungen während der sogenannten Eroberung Amerikas".

Besonders lobte er dagegen die Bemühungen in Bolivien für ein friedliches Zusammenleben der vielen Ethnien, in der Messe wurden auch Teile in den Indigena-Sprachen Guaraní, Quechua und Aymara vorgetragen. "Wie viel Freude bereitet es uns zu wissen, dass das Spanische, das in diese Länder gebracht wurde, heute mit 36 indigenen Sprachen zusammenlebt und sich vermischt", sagte Franziskus.

Überdurchschnittliche Wachstumsraten

In dem 10-Millionen-Einwohner-Land müssen rund ein Viertel der Einwohner mit zwei Dollar oder weniger am Tag auskommen – aber durch die Verstaatlichung des Erdgassektors machen Bereiche wie Infrastruktur und Gesundheitsversorgung Fortschritte, das Land weist für Südamerika überdurchschnittliche Wachstumsraten auf.

Die achttägige Reise nach Ecuador, Bolivien und Paraguay soll gerade diesen oft wenig beachteten Ländern in der Region und ihren Menschen Mut machen. Bolivien ist stark katholisch geprägt, es gibt aber einen großen Einfluss evangelikaler Pfingstkirchen und von Naturreligionen. Präsident Morales ist zwar auf Konfrontationskurs mit der heimischen Kirche, umschmeichelt den Papst aber als Verbündeten im Kampf gegen Armut und Ausgrenzung.

Kirchliche Organisationen werfen dem ersten indigenen Präsidenten des Landes daher eine Instrumentalisierung des Papstbesuches vor. In La Paz erinnerte Franziskus an der Wegstrecke des Papamobils an den vor 35 Jahren ermordeten Ordensbruder Luis Espinal, wie Franziskus ein Jesuit. Der Konvoi stoppte an einem Kreuz, das an Espinal erinnert. "San Lucho" war ein Vorkämpfer für Demokratie, geißelte die Verbrechen der Militärdiktaturen und klagte den Drogenhandel an. Seine Mörder wurden nie gefasst. (APA, dpa, 9.7.2015)

  • Verkleidete Menschen: Einer trägt ein Koka-Sackerl um den Hals.
    foto: ap photo/gregorio borgia

    Verkleidete Menschen: Einer trägt ein Koka-Sackerl um den Hals.

  • Evo Morales schenke dem Papst ein Kreuz, das aus Hammer und Sichel zusammengesetzt ist
    foto: ap,osservatore romano/pool

    Evo Morales schenke dem Papst ein Kreuz, das aus Hammer und Sichel zusammengesetzt ist

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