Serbien und Srebrenica: Pietät und Marketing

Kommentar8. Juli 2015, 17:37
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Bei politischen Konvertiten kann man sich nie sicher sein

Politische Konvertiten haben es nicht einfach. Was immer sie tun, so sehr sie sich Mühe geben: Vom Schatten ihrer Vergangenheit können sie sich nie befreien. Ihre Glaubwürdigkeit wird immer wieder infrage gestellt.

Serbiens Premier Aleksandar Vucic ist so ein Konvertit. Er erwachte eines Morgens vor sieben Jahren und sah sich in einen proeuropäischen Politiker verwandelt.

Davor kämpfte er für Großserbien, bezichtigte Österreich und Deutschland, sich am serbischen Volk wegen zweier verlorener Weltkriege rächen zu wollen. Er verehrte serbische Kriegsverbrecher und bestritt den Völkermord in Srebrenica. Wenn er auf seinen einstigen extremistischen Nationalismus angesprochen wird, knirscht er heute mit den Zähnen: Na und, man wird wohl Fehler machen und seine Meinung ändern dürfen. Es waren "Fehler", die zu mehr als 98.000 Toten in Bosnien und Herzegowina führten.

Heute kämpft Vucic für Serbiens EU-Beitritt. Heute erfüllt er Aufgaben im Kosovo im Auftrag Berlins. Heute will er über 7000 in Srebrenica von bosnisch-serbischen Truppen getötete muslimische Buben, Männer und Greise ehren. Warum? Verspürt er tatsächlich Reue? Verantwortung? Wecken ihn in der Nacht die Geister der Kinder, deren Tod seine frühere Politik verursacht hat? Eher nicht. An jedem Satz, den Vucic über Srebrenica spricht, hängt ein Wenn und Aber. Es klingt nach politischem Marketing. Bei Konvertiten kann man sich eben nie sicher sein. (Andrej Ivanji, 8.7.2015)

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