Griechen trotzen der Hackordnung der Märkte

9. Juli 2015, 11:29
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Griechenlands Wirtschaft steht still: Alles wartet auf die Einigung mit den Gläubigern. Apotheker wie Fischhändler kämpfen mit Engpässen

Die eiserne Reserve liegt in der Schublade: zwei Packungen eines Blutverdünnungsmittels, das ein großer Schweizer Pharmahersteller verkauft. "Das behalte ich für Patienten, die es am nötigsten haben", erklärt die Apothekerin und zeigt die beiden gelb-weißen Schachteln.

Engpässe bei Arzneimitteln gab es in Griechenland immer wieder seit Ausbruch der Finanzkrise vor fünf Jahren. Doch seit die Kapitalkontrollen in Kraft und die Banken geschlossen sind, wird es zumindest für einige Apotheker in Athen eng – und erst recht für die Kunden. Die müssten jetzt vier, fünf Geschäfte abklappern, bis sie ein bestimmtes Präparat finden, sagt Peggy, die Apothekerin in Mets, einem kleinen gutbürgerlichen Viertel nahe der Ruine des Zeus-Tempels.

"Wenn Griechenland von einem Pharmariesen – sagen wir einmal – 100 Stück eines Medikaments will, dann bekommt es sieben", so beschreibt Haris Talarougkas, ein anderer Athener Apotheker, die Hackordnung auf dem internationalen Markt. Griechenlands Ramschbonität, von den Ratingagenturen durchbuchstabiert, schlägt sich auch auf das Importgeschäft durch. Ein bestimmtes Insulinpräparat, ebenfalls aus der Schweiz, bekomme man schon seit zwei Jahren nur in limitierten Mengen, so berichtet Haris Talarougkas; jetzt könnte es aber wirklich ein Problem werden.

Einkauf via Zwischenhändler

Wie alle Apotheker im Land bezieht Talarougkas seine Medikamente von einem griechischen Zwischenhändler, der wiederum bei den Pharmaherstellern einkauft. 90 Prozent der Präparate, die seine Kunden wünschen, habe er im Moment auf Lager, versichert der Apotheker. Talarougkas' Geschäft in Nea Psychiko, im Athener Norden, gilt als gut sortiert.

Zwei Lieferanten kommen nacheinander an diesem Mittwochmittag in den Laden. Sie bringen Prüfstreifen für Diabetiker und ein Präparat, das bei der Vorbereitung einer künstlichen Befruchtung verwendet wird. Talarougkas zeigt die Rechnungen des deutschen und des US-amerikanischen Pharmaproduzenten, beide jeweils um die 2.500 Euro. Er wird sie auf einem griechischen Konto begleichen, denn Auslandszahlungen sind derzeit nur mit Einschränkungen möglich. "Wenn man einen guten Namen hat, ist es einfacher", sagt der Apotheker, "die Händler trauen mir."

Griechenlands Wirtschaft ist fast zum Stillstand gekommen. Es wird wenig produziert und wenig gekauft. Alles wartet auf die Einigung in Brüssel mit den Kreditgebern.

Zehn Milliarden Verlust

"Wir werden ein hartes Maßnahmenpaket bekommen", glaubt Antonis Zairis, Vizepräsident der griechischen Einzelhändlervereinigung. Er hat im Fernsehen soeben die Rede von Regierungschef Alexis Tsipras im Europaparlament verfolgt. Zairis schätzt den Verlust im Handel in den vergangenen zwei Wochen gar auf zehn Milliarden Euro. Der Umsatz sei je nach Branche zwischen 30 und 80 Prozent gefallen, wobei Kleidung und Kosmetik zu den großen Verlierern zählen, Supermärkte sich dagegen behaupten – "aus verständlichen Gründen", so merkt Zairis an, "die Leute legen Proviant an".

Manche Obsthändler rechnen mit Schwierigkeiten beim Import von Bananen und Grapefruits schon in den nächsten Tagen. Lieferanten im Ausland können nicht bezahlt werden, griechische Lastwagenfahrer sind auf europäischen Autobahnen gestrandet – ihre Kreditkarten funktionieren nicht mehr. Mit Lachs aus Norwegen wird es in Athener Fischläden auch schwierig. Aber die Leute kaufen ohnehin jetzt deutlich weniger. "Fisch ist ein Luxusartikel geworden", sagt Andreas, ein 39 Jahre alter Händler in Pangrati. Er ist nun auf alles gefasst, auf Grexit und Kollaps. "Es ist ein Krieg. Unsere Großeltern sind an die Front gezogen, bei uns schließen die Banken", sagt er. "Mir ist es egal, wenn ich schließen muss. Ich werde in Würde untergehen." (Markus Bernath aus Athen, 9.7.2015)

  • Der Athener Apotheker Haris Talarougkas kennt schon die Engpässe bei manchen Präparaten internationaler Pharmahersteller. Griechenland rangiert auf der Kundenliste der Unternehmen ohnehin an unterer Stelle. Mit den Kapitalkontrollen wird es schwierig, Importgeschäfte im Ausland zu regeln.
    foto: standard/bernath

    Der Athener Apotheker Haris Talarougkas kennt schon die Engpässe bei manchen Präparaten internationaler Pharmahersteller. Griechenland rangiert auf der Kundenliste der Unternehmen ohnehin an unterer Stelle. Mit den Kapitalkontrollen wird es schwierig, Importgeschäfte im Ausland zu regeln.

  • Antonis Zairis erwartet ein hartes Maßnahmenpaket.
    foto: ho

    Antonis Zairis erwartet ein hartes Maßnahmenpaket.

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