Griechenland rettet Europa

Kommentar der anderen8. Juli 2015, 17:16
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Die EU muss den Menschen erklären, warum Ökonomie und Freiheit einander bedingen

Mit ihrem Nein zur Brüsseler Sparpolitik haben die Griechen Ja zu einem neuen Europa gesagt. Die rein ökonomische Debatte wurde somit zu einer ideologisch-ökonomischen Debatte ausgeweitet. Kommentare deutscher Politiker zeigen, wie notwendig das war. Da ist von linken Erpressern und Volksbelügern die Rede, es wird suggeriert, dass die Griechen nicht wüssten, worüber sie abgestimmt haben. Deutschlands Vizekanzler Sigmar Gabriel etwa sah gar die Spielregeln der Eurozone missachtet.

Brüssel hat derweil nichts anderes zu tun, als Finanzminister Varoufakis indirekt zur Persona non grata zu erklären. Das ist Undemokratie und Verliererdemagogie. Dank der Griechen hat Europa die Chance, sich neu zu strukturieren. Allein der Eurokratismus steht dem im Weg.

Dabei wäre der Grexit kein GAU für Europa. Was wäre, wenn der Austritt Griechenlands aus der EU und die Wiedereinführung der Drachme die griechische Binnenmarktnachfrage beflügelte und die nationale Ökonomie erstarkte? Was wäre, wenn andere EU-Mitglieder diesen Weg ebenfalls einschlügen? Der Druck auf die nationalen Ökonomien ließe erst einmal nach. Es entstünde Raum für eine Neuausrichtung. Europa muss sich den Menschen erklären! Warum Ökonomie und Freiheit einander bedingen, das gilt es in öffentlichen Diskursen zu verdeutlichen. Ein Europa, das nur über den Geldschalter regiert wird, ist eine Bank ohne Historie und ohne Zukunft, weil die Idee eines geeinten, freien Europa nicht in den Herzen der Menschen ankommen kann. Die Bereitschaft, Erfolg und Misserfolg zu teilen, entsteht in den Köpfen, sie lässt sich nicht erzwingen. Griechenland hat den Weg gewiesen, der zu gehen ist.

Frage nach den Wurzeln

Athen kann seine Verbindlichkeiten nicht begleichen, diese Erkenntnis ist nicht neu. Dadurch, dass Griechenland die Europadiskussion ideologisiert hat, hat es die Frage nach den Wurzeln des alten Kontinents aufgeworfen. Es war Athen, das die Demokratie hervorbrachte. Die Diktion der Eurokraten lässt hierauf kaum noch einen Rückschluss zu. In Brüssel hat sich exklusive Clubatmosphäre breitgemacht. Man verwaltet eine enorme Macht und möchte sie sich nicht aus der Hand nehmen lassen. Das ist bestenfalls noch Scheindemokratie.

Dass Griechenland mit bilanzbuchhalterischen Taschenspielertricks EU-Mitglied wurde, war das Ergebnis politischen Augenzukneifens, unter anderem auch vom damaligen deutschen Kanzler Kohl. Die Aufnahme Griechenlands war eine politische Entscheidung, die das ökonomische Geschwür bereits in sich trug. Es ist an der Zeit, durch eine neue politische Ethik, diese Fehlentwicklungen zu korrigieren. Derzeit beläuft sich das Defizit Griechenlands auf 330 Milliarden Euro. Mit Olivenölexporten und exklusiven Tourismusangeboten lässt sich diese Summe nicht abtragen. Das ist unrealistisch – wie auch die Diskussion, die derzeit in Brüssel geführt wird. (Alexander von der Decken, 8.7.2015)

Alexander von der Decken (Jahrgang 1954) hat Romanistik und Philosophie studiert und in Paris und Barcelona gelebt. Er arbeitete als Journalist beim "Weser-Kurier" und ist unter anderem Autor der "Wiener Zeitung".

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