Serbische Gratwanderung um Srebrenica-Gedenken

9. Juli 2015, 05:30
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Serbiens Premier Vučić vertritt sein Land bei der Gedenkfeier in Srebrenica – ein Spagat für den früheren Ultranationalisten

Serbiens Ministerpräsident Aleksandar Vučić liebt Sonder-Pressekonferenzen. Sie haben so etwas Dramatisches an sich. Fernsehprogramme werden unterbrochen, der mächtige Mann kann sich an sein Volk wenden und seine wichtigen Entscheidungen oder seinen Groll mitteilen.

Eine solche eilig zusammengerufene Pressekonferenz war es, die der Premier am Dienstagabend nutzte, um seine Entscheidung bekanntzugeben, an der Gedenkfeier in Srebrenica am 11. Juli teilnehmen zu wollen. An diesem Tag vor zwei Jahrzehnten begannen bosnisch-serbische Truppen die systematische Hinrichtung von über 7.000 muslimischen Buben, Männern und Greisen, die tagelang dauerte.

Vučić war damals Funktionär der extrem-nationalistischen Serbischen Radikalen Partei (SRS), die für Großserbien kämpfte und Freischärler nach Bosnien schickte. Der Internationale Gerichtshof IGH und das Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien bezeichneten das Massaker als "Völkermord". Und mit diesem Begriff hat Belgrad seine Probleme.

"Ein Volk, das viel gelitten hat"

Es sei an der Zeit, zu zeigen, dass die Serben bereit für Versöhnung seien, erklärte Vučić. Und er fügte hinzu: "Deshalb hat die serbische Regierung einstimmig die Entscheidung getroffen, dass ich als Premier Serbien am 11. Juli in Srebrenica vertreten soll. Warum wir diese Entscheidung getroffen haben? Weil wir der Meinung sind, dass wir Serben, als ein Volk, das viel gelitten hat, die Verantwortung haben, die Opfer der anderen zu ehren. Nur so werden auch sie unsere Opfer ehren."

Gleichzeitig rief Vučić das bosniakische Mitglied des bosnischen Staatspräsidiums, Bakir Izetbegović, auf, "wann immer er will", mit ihm serbische Opfer in Bosnien zu ehren.

Versöhnung, aber "keine Erniedrigung"

Die meiste Zeit nahm sich Vučić aber, um zu erklären, wie es Serbien geschafft habe, via Veto-Drohung Russlands eine von Großbritannien entworfene Resolution über Srebrenica im Uno-Sicherheitsrat zu blockieren. In der Resolution wird der Begriff "Genozid" verwendet. Und es wird gefordert, dass das Bestreiten des Genozids in Srebrenica strafrechtlich sanktioniert werden sollte.

Serbien sei bereit zu Versöhnung, aber nicht zu Erniedrigung, sagte Vučić diesbezüglich. Und die Resolution habe die Absicht gehabt, Serben als ein "genozidales" Volk darzustellen. Er habe daher von Moskau "Garantien erhalten", dass die Resolution, falls überhaupt, nur wesentlich geändert im Sicherheitsrat angenommen würde, so der Premier am Dienstag. Am Mittwoch legte Russland dann tatsächlich sein Veto ein.

Serbien werde das nicht als Sieg empfinden, sagte Vučić. Denn wenn es um Srebrenica gehe, gebe es keine Sieger.

Geteilte Reaktionen in Bosnien

Vučić solle sich entscheiden, reagierte darauf der Vorsitzende des Organisationsausschusses der zwanzigsten Gedenkfeier in Srebrenica, Ćamil Duraković: "Will er am 11. Juli zu uns kommen, um zu gestehen und im Namen des serbischen Volkes Buße zu tun, oder will er uns erniedrigen und bestreiten?"

Jeder sei in Srebrenica willkommen, sagte Duraković. Doch man werde es nicht zulassen, dass jemand die Würde der Opfer des Völkermordes verletze. (Andrej Ivanji aus Belgrad, 8.7.2015)

  • "Weil wir der Meinung sind, dass wir Serben als ein Volk, das viel gelitten hat, die Verantwortung haben, die Opfer der anderen zu ehren", will Serbiens Premier Aleksandar Vučić am Samstag zum Srebrenica-Gedenken fahren. Zugleich fordert er von Bosnien die Ehrung serbischer Opfer.
    foto: reuters / bernadett szabo

    "Weil wir der Meinung sind, dass wir Serben als ein Volk, das viel gelitten hat, die Verantwortung haben, die Opfer der anderen zu ehren", will Serbiens Premier Aleksandar Vučić am Samstag zum Srebrenica-Gedenken fahren. Zugleich fordert er von Bosnien die Ehrung serbischer Opfer.

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