Flüchtlinge: Mit Kung Fu dem Alltag entkommen

9. Juli 2015, 15:04
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Unweit des Asylzentrums in Wien-Erdberg befindet sich der Shaolin-Tempel, wo seit einigen Wochen ein Kung-Fu-Kurs für Flüchtlinge angeboten wird. Eine der wenigen Möglichkeiten, dem Alltag als Flüchtling zu entkommen.

Wien – "Das ist so easy. Wir sind einfach zum Flüchtlingsheim hin und haben angeboten, einen Kurs zu machen", erzählt Wolfgang Gall, Gründer und Leiter des Shaolin-Tempels in der Wiener Markhofgasse 19. Die Nachfrage war groß, denn vor allem für die jungen Flüchtlinge ist Sport ein wichtiger Ausgleich zum Leben im Asylzentrum. Für viele ist es einer der wenigen Orte geworden, an denen sie dem Alltag entkommen können.

Seit drei Wochen wird nun der Kung-Fu-Unterricht im Shaolin-Tempel jeden Dienstag angeboten. Es sind vor allem männliche Jugendliche zwischen 15 bis 17 Jahren, die sich am Training beteiligen. Die Lage des Tempels eignet sich gut, er liegt nicht einmal fünf Gehminuten vom Asylzentrum in Erdberg entfernt.

foto: urban
Der Shaolin-Mönch beginnt das Training und zeigt den jungen Flüchtlingen unterschiedliche buddhistische Grußarten.

Vor jeder Unterrichtsstunde gibt es eine gemeinsame Vorstellungsrunde. Für einen kurzen Augenblick bekommt jeder Einzelne die ganze Aufmerksamkeit des prallgefüllten Raums und darf Name, Alter und Herkunft sagen. Zwar haben sich unter die Teilnehmer ein Äthiopier und einige Somalier gemischt, die meisten kommen aber aus Afghanistan und Syrien.

"Das Training ist hart, aber es hilft den Jugendlichen, Energie rauszulassen", meint der Leiter der Shaolin-Tempels.

Mit traditionellem Kung Fu zur Selbstfindung

Nachdem sich auch der Letzte vorgestellt hat, beginnt der Unterricht mit dem lauten buddhistischen Grußwort "Amituofo" – ein Zeichen von Respekt gegenüber dem Lehrer, dem Tempel und sich selbst. Verschiedene Kung-Fu-Positionen werden den Jugendlichen beigebracht. Auch bei über 30 Grad Hitze und während des Fastenmonats Ramadan folgen die neuen Schüler den Anweisungen des Shaolin-Mönchs mit höchster Konzentration. Zwischendurch wird immer wieder geklatscht, eine weitere Form der Shaolin-Mönche, Respekt für sich selbst und anderen gegenüber zum Ausdruck zu bringen.

foto: urban
Die Jugendlichen versuchen trotz der Hitze im Shaolin-Tempel, die Übungen korrekt auszuführen.

"In ihrem Alter ist es wichtig, einen Platz zu haben, wo keiner mit dem Finger auf sie zeigt", sagt Gall. Der Tempel soll deswegen als geschützter Bereich dienen, in dem die eigenen inneren Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Die traditionelle chinesische Kampfkunst soll dabei helfen. Wolfgang Gall wünscht sich, dass Sportvereine in Österreich ein größeres Angebot für geflüchtete Menschen schaffen. Für ihn ist es ein Weg, etwas gegen die derzeitige Politik zu unternehmen. (David Stojanoski, 9.7.2015)

Der Shaolin-Tempel wurde 2002 von Wolfgang Gall gegründet. Hier wird traditionelles Shaolin-Kung-Fu, aber auch modernes Wushu, Taiji und Akrobatik unterrichtet. Mittlerweile gibt es neben dem Tempel in Wien auch Standorte in Graz, Linz und Bruck an der Leitha, wo die hohe chinesische Kampfkunst weitergegeben wird.

Link

shaolintempel.at

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