Diversität, Einbindung: Viele Herausforderungen im Aufsichtsrat

9. Juli 2015, 09:17
posten

In heimischen Aufsichtsräten fehlen Frauen, Innovation wird selten gemessen und die Bezahlung ist im internationalen Vergleich schlecht

Was sind die aktuellen Herausforderungen in Aufsichtsräten? Wo gibt es Nachholbedarf? Antworten auf diese Fragen gab es bei der Präsentation des zweiten Aufsichtsrats-Monitors der B&C Industrie Holding. Analysiert wurden für die, in Kooperation mit der Wirtschaftsuni Wien durchgeführte, Studie Antworten von 100 österreichischen Aufsichtsräten.

Die Resultate führen die Studienautoren zu der Einschätzung, dass in heimischen Unternehmen häufig Strategisches Management und Frühwarnindikatoren fehlen und nicht-finanzielle Einflussfaktoren – wie beispielsweise Innovation – zu wenig Beachtung geschenkt wird. Zudem scheinen Aufsichtsräte zu wenig Ausbildung im Bereich Risikoüberwachung zu erfahren.

Um für die anstehenden Aufgaben gewappnet zu sein sei eine stärkere geografische und berufsspezifische Diversität in den Aufsichtsräten notwendig.

Studienergebnisse im Detail

Als größte Herausforderungen benannten die befragten Führungskräfte internationale Unsicherheit und geopolitische Krisen wie Krieg, Terroranschläge und Umweltkatastrophen (58 Prozent) und Konsumrückgang (49 Prozent) sowie hohe steuerliche Belastungen und regulatorische Vorgaben (jeweils 45 Prozent). 22 Prozent der Studienteilnehmer gaben Cyber-Security und den Schutz vor Hackerattacken als Top-Herausforderung an.

Und worunter leidet der Wirtschaftsstandort Österreich im internationalen Vergleich? 74 Prozent sagten hier, es gäbe hierzulande zu viel Bürokratie. Häufig genannt wurden auch zu hohe Steuern (65 Prozent) und zu hohe Arbeits- bzw. Lohnnebenkosten (59 Prozent).

Zukunftsthemen

Unter den Themen, denen sich Aufsichtsräte in den kommenden zwölf Monaten stärker widmen wollen, rangierte auf Platz eins das Thema "Innovationen" (über zwei Drittel wollen sie noch stärker als bisher vorantreiben). Darunter sei nicht nur die Entwicklung neuer Produkte, sondern auch das Finden neuer, zukunftsträchtiger Geschäftsmodelle zu verstehen, erklären die Studienautoren.

Digitalisierung werde in Österreich aktuell zu sehr als Gefahr denn als Chance gesehen, sagt Werner Hoffmann, Vorstand des Instituts für strategisches Management an der WU Wien. "Hier wird über Datenmissbrauch, Arbeitsplatzverluste diskutiert. Klar, hier verdrängt ein Geschäftsmodell das andere, aber das bedeutet auch, dass es für viele die bessere Lösung ist. Das ist doch grundsätzlich etwas Positives?".

Auch Strategische Planung nannten 60 Prozent der befragten Aufsichtsräte als wichtige Aufgabe. Thema ist auch Personalentwicklung: 56 Prozent wollen sich künftig stärker mit Vorstandsbesetzungen beziehungsweise -erneuerungen beschäftigen.

Männlein oder Weiblein?

Bei der Besetzung des Aufsichtsrates plädieren die Studienautoren für Diversität. "Und die ist nicht auf die Frage Männlein oder ein Weiblein zu reduzieren", sagt Hanno Bästlein, Mitglied des Aufsichtsrates bei der B&C Holding. Notwendig sei vielmehr, auf eine Vielfalt beim Ausbildungsbackground und den Fachqualitäten zu achten. "Es geht nicht, dass in den Aufsichtsräten nur Banker und Wirtschaftsprüfer sitzen." Auch eine gemischte Altersstruktur sei dem Ideenreichtum im Aufsichtsrat dienlich. "Personen unterschiedlichen Alters bringen jeweils andere Erfahrungen mit. Hier sind wird nicht mehr am Puls der Zeit."

Diversität könne dazu beitragen, Wahrnehmungsbarrieren, die Unternehmen an Innovationen hindern, abzubauen, ergänzt Hoffmann. "Wir haben alle Wahrnehmungsbarrieren. Aber die können in Gruppen – und auch Aufsichtsräte sind Gruppen – überwunden werden."
Der Blick auf Talente fehle bei der Besetzung des Aufsichtsrates häufig. Einem Urteil, dem Hanno Bästlein zustimmt: "Meistens wird überlegt, wenn schon Feuer am Dach ist und schnell ein Nachfolger gesucht werden muss."

Unter den Bereichen, die im kommenden Jahr stärker im Fokus stehen sollten, rangierte schließlich auch "Industrie 4.0." ganz oben. Hoffmann: "Das ist ein eins zu eins lehrbuchkonformer Befund. Das was in den Managementbüchern steht, findet sich auch in den Meinungen der Aufsichtsräte wieder."

Risiko ist Chance

Nur 35 Prozent bewerteten hingegen Risikomanagement als wichtige Aufgabe. Für Hoffmann eine zu geringe Bewertung des Themas – er appelliert an Aufsichtsräte umzudenken: "Risikomanagement heißt nicht, keine Risiken einzugehen. Risiko und Chance hängen eng zusammen." Deshalb müssten Risiken – egal ob sie Finanzen, Compliance oder IT betreffen – als Verantwortung des gesamten Aufsichtsrats begriffen werden. "Nicht noch mehr Compliance-Manager in die Welt setzen, sondern lieber in Innovation investieren."

Wie die Studie außerdem zeigt, verfügen nur 42 Prozent der Unternehmen über ein unternehmensweites, systematisches und strategisches Management – auch hier konstatiert Hoffmann Nachholbedarf. "Es ist die Aufgabe des Aufsichtsrates sicherzustellen, dass der Vorstand ein solches System einrichtet."
Nur 39 Prozent der Befragten meinten, dass im Unternehmen keine Frühwarnindikatoren wie Markt- oder Konjunkturdaten, Länder- und Kundenbonitäten oder Fluktuationsraten definiert seien, die es ihnen ermöglichen, rechtzeitig gegenzusteuern oder die Unternehmensstrategie zu überarbeiten.

Fast 70 Prozent bejahten hingegen die Existenz eines unternehmensweiten "Cooperate Risk Management“. 54 Prozent fordern eine intensivere Ausbildung von Aufsichtsräten im Bereich "Monitoring und Risikoüberwachung" und bessere Berichte des Vorstands an den Aufsichtsrat (53 Prozent).

You get what you pay for

Künftige nicht-finanzielle Einflussfaktoren für den Unternehmenserfolg wurden ebenfalls abgefragt: Hier nannten 85 Prozent der befragten Personen "Kundenzufriedenheit", 59 Prozent "Mitarbeiterzufriedenheit“ und 53 Prozent "Innovation". Sie werden aber nur in 45 Prozent der Unternehmen gemessen. "Das ist zu wenig", sagt Hoffmann.

Als weitere Verbesserungsmaßnahme schlagen die Studienautoren schließlich einen Systemwandel hin zum Schweizer Modell des Verwaltungsrates vor. Aufsichtsräte müssten mehr Zeit für das Unternehmen aufwenden (bis zu 25 Tagen pro Mandat), stärker eingebunden und besser bezahlt werden. Hoffmann: "You get what you pay for.“ (Lisa Breit, 9.7.2015)

Share if you care.