Srebrenica: Die Agenda, die zum Genozid führte

8. Juli 2015, 14:37
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Ex-Kommunisten und Tschetniks kämpften darum, in Bosnien-Herzegowina ein Großserbien zu schaffen. Der Plan kam aus Belgrad

Im Sommer 1995 wurden in der Gegend von Srebrenica innerhalb von nur wenigen Wochen mehr als 8.000 Menschen erschossen. Andere wurden auf der Flucht in die Gebiete, die von der bosnischen Armee kontrolliert waren, wie Tiere durch Ostbosnien gejagt. Wenn die bosniakischen Flüchtlinge über eine Brücke mussten oder sich nicht im Wald schützen konnten, wurden sie einfach niedergeschossen: alte, junge, verletzte, völlig ausgehungerte, erschöpfte, um Mitleid flehende Menschen. Welche Motive, welche Ideologie stand hinter dem schwersten Verbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa?

Der "genozidale Krieg"

Jene, die die Bosniaken im Juli 1995 in Ostbosnien, nachdem die bosniakische Enklave Srebrenica gefallen war, ermordeten, waren Mitglieder der Armee der Republika Srpska, Soldaten also, die sich natürlich an die Genfer Konvention zu halten hatten. "Ihre Offiziere wie ihr Kommandant Ratko Mladić wurde von der Jugoslawischen Volksarmee abgezogen, also gehörten sie ursprünglich eher zur kommunistisch-titoistischen als zur Tschetnik-Tradition", erklärt der britische Historiker Marko Attila Hoare dem Standard. Der "genozidale Krieg" sei von der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) und dem Regime von Slobodan Milošević eingeleitet worden – also ehemaligen Kommunisten, die formal der Partisanentradition treu waren. Dieser Umstand macht es bis heute schwierig, die ideologischen Ursprünge klar darzustellen. "Genau genommen können wir also nicht sagen, dass der Völkermord in Srebrenica das Werk der Tschetnik-Ideologie war", erklärt Hoare.

Großserbische Ziele

Auf der anderen Seite, habe aber sowohl die politische Führung der bosnischen Serben, die antikommunistische Demokratische Partei, die in der Tradition der Tschetniks stand, als auch die bosnisch-serbische Armee und auch Miloševićs Regime, großserbische Ziele und Taktiken angenommen. Hoare spricht von einem Widerhall der Tschetniks aus dem Zweiten Weltkrieg. Damals entwarf etwa einer der führenden Tschetniks Stevan Moljević 1942 ein politisches Programm, welches ein "homogenes Serbien" vorsah, in welchem in jeder Region die Serben eine absolute Mehrheit haben sollten. Zu diesem Zweck sollten aus diesen Gebieten 2,6 Millionen Nicht-Serben ausgesiedelt werden.

Knapp 50 Jahre später sagte Mihailo Marković, der Vizepräsident und Chefideologe von Miloševićs "Sozialistische Partei Serbiens" im Oktober 1991: "Es wird zumindest drei Einheiten in dem neuen jugoslawischen Staat geben: Serbien, Montenegro und ein vereintes Bosnien und die Knin-Krajina." Die Knin-Krajina war jener Teil von Kroatien, der von serbischen Einheiten 1991 besetzt und erst 1995 von Kroatien zurückerobert wurde. Von dem ursprünglichen Vorhaben des Milošević-Regimes aus 1990 ist bis heute die "Republika Srpska" in Bosnien-Herzegowina geblieben, die "Republika Srpska Krajina" in Kroatien wurde hingegen nach dem Krieg aufgelöst. Die Ideen für den Staat, der nie zustande kam, wurden bereits viele Monate vor Beginn des Kriegs in Bosnien-Herzegowina festgelegt.

Langfristige Planung

"Die Ziele wurden in Belgrad zwischen 1990 und 1992 von Miloševićs Regime und dem Kommando der JNA formuliert und blieben im Grunde unverändert auch nachdem die bosnisch-serbische Armee formal unabhängig von Belgrad und der JNA wurde", so der Professor der Kingston Universität. Man wollte damit auf das Versagen Serbiens zu Beginn des Jahres 1990 reagieren, als dieses versucht hatte, Jugoslawien als eine zentralisierte Föderation unter serbischer Führung aufzubauen. Also versuchte man es mit "Plan B", indem man einerseits Serbiens Souveränität als Republik absicherte, andererseits aber Bosnien und Kroatien zerteilte und einen neuen Staat, der zwar formal "Jugoslawien" heißen, de facto aber Großserbien sein sollte, schaffen wollte, so Hoare.

"Dieses Ziel umfasste Bosnien-Herzegowina zu zersplittern, um eine bosnisch-serbische Entität aus diesem Territorium herauszuschneiden, und die Nicht-Serben zu zerstören, vor allem die Bosniaken als Gruppe auf dem Territorium dieser neuen Entität", erklärt Hoare. Dies sollte durch Massentötungen, Folter, Vergewaltigung, kulturelle Zerstörung und andere Mittel erreicht werden, aber vor allem über gewaltsame, organisierte Massenvertreibung der Bevölkerung (ethnische Säuberung). (8.7.2015)

  • Friedensmarsch in der Nähe von Nezuk
    foto: ap/amel emric

    Friedensmarsch in der Nähe von Nezuk

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