Türkei baut neues Auffanglager für 55.000 syrische Flüchtlinge

8. Juli 2015, 16:14
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Behörden befürchten neue Fluchtwelle wegen Kämpfen

Istanbul – Die Türkei baut an der Grenze zu Syrien ein neues Flüchtlingslager für 55.000 Menschen. Angesichts der Kämpfe im Norden Syriens sei mit 100.000 Flüchtlingen binnen 24 Stunden zu rechnen, wenn es zu einem Angriff des "Islamischen Staats" (IS) komme, erklärte der Chef der türkischen Katastrophenschutzbehörde, Fuat Oktay, laut Berichten vom Mittwoch.

Das neue Lager entsteht in der Grenzprovinz Kilis, wo sich bereits ein anderes großes Auffanglager befindet. Insgesamt hat die Türkei seit Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 2011 fast zwei Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. 278.000 von ihnen sind in den 25 Lagern – die sich vor allem in der Grenzregion befinden – untergebracht. Allein in Kilis halten sich mehr als 120.000 Flüchtlinge auf.

Die Planung des Flüchtlingslagers geht laut Hürriyet Daily News auf eine Risikoanalyse des Nationalen Sicherheitsrats zurück. Darin wurde unter anderem eine IS-Offensive angenommen, die 4,5 Millionen Syrer in die Türkei zwingen würde. "So ein Flüchtlingsansturm macht uns Angst", wird ein türkischer Beamter in der Zeitung zitiert: "Das würde für uns ein großes Risiko darstellen, obwohl wir Kapazitäten haben."

Kritik an EU-Politik

Angesichts der wachsenden Flüchtlingsströme aus Syrien und anderen Konfliktregionen hat der frühere türkische Staatschef Abdullah Gül die Einwanderungspolitik der Europäischen Union scharf kritisiert. "Man hört oft, dass Europa ein globaler Akteur sein will. Dann muss es sich auch wie ein globaler Akteur verhalten", sagte Gül der Süddeutschen Zeitung.

Im Nahen Osten würden Staaten wie Syrien, der Irak und Jemen zerfallen und sich selbst zerstören, dort spielten sich "unendlich viele menschliche Dramen" vor den Augen der Weltöffentlichkeit ab. Angesichts dieser "Schande der Menschheit" könne die EU nicht länger so tun, als ginge sie das nichts an, forderte Gül. "Europa muss hier zeigen, dass es Verantwortung übernimmt, hilft und Flüchtlinge aufnimmt."

Europa müsse langfristig denken, müsse sich fragen, was es in 50 Jahren sein wolle, betonte Gül. "Nur wer jetzt agiert, wird dann stark sein." Wer jetzt nicht handle, werde früher oder später selbst von den Problemen getroffen, das zeigten die Flüchtlingsströme deutlich.

Die EU-Staaten streiten seit Wochen über eine gerechtere Verteilung von Flüchtlingen. Insbesondere wegen des Bürgerkriegs in Syrien ist die Zahl der Menschen, die in Europa Zuflucht suchen, massiv gestiegen. (APA, bbl, 8.7.2015)

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