Portugal: Die endlosen Strände des Alentejo

10. Juli 2015, 05:30
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Ohne Getümmel und bildschön: Abseits des Rummels lockt die unverbaute Küste der portugiesischen Region Alentejo

Fünfzig Jahre lang fuhr Maria Gato aus Carrasqueira mit ihrem kleinen Holzkahn fischen. Kaum größer als ein Ruderboot ist er – eine Nussschale nur. Heute ist die Frau mit dem freundlichen Lachen fast 70, hat das Fischen aufgegeben: "Ich bin zu alt dafür", sagt sie und spaziert, verfolgt von ihren drei Hunden, zum Gemeindeschwimmbad, um dort an heißen Sommertagen zur Abkühlung ein bisschen im Wasser herumzuplanschen.

Warum sie nicht unten am Rio Sado oder ein paar Kilometer weiter am Meer baden geht wie die Urlauber, die extra wegen der nahen Strände von Tróia, von Comporta und Pinheirinho von weit her angeflogen kommen? "Ich bin zu skeptisch", sagt die Frau. Sie traue dem vielen Wasser nicht – sie habe nie schwimmen gelernt. Wie sie denn dann ohne Sorge bei Wind und Wetter hinausfahren konnte? 50 Jahre lang? "Ich hatte ja das Boot. Und meinen Mann, der auch mit war", sagt sie lächelnd. Ob sie noch schwimmen lernen will? "Não", sagt sie. "Nein." Sie könne das Meer ja anschauen. Vom Ufer aus. Oder vom Boot. Aber hineinsteigen? "Não." Im Pool ist das Ufer näher: "Mein Ozean hat Fliesen."

foto: helge sobik
Ein Stelzenhafen für Nussschalen: Carrasqueira an der Mündung des Rio Sado. Der Atlantik ist nur ein paar Kilometer entfernt.

Es gibt viel Meer hier, viel Strand, die ganz große Weite. Denn geradeaus nach Westen kommt dort, wo Portugal endet, nur das Wasser – 5.000 Kilometer Atlantik mit ein paar Inselchen. Bevor der Ozean beginnt, sind da diese Strände des Alentejo, erst die dutzende Kilometer langen Dünen, später Steilküsten und Klippen dieses Landstrichs, der südlich von Lissabon beginnt und irgendwann auf die Algarve trifft. Es sind lange, fast weiße Strände, und oft sind sie kilometerweit unverbaut.

Antike Fischfabriken

Schon die Römer siedelten hier und verkauften den in Salz konservierten Atlantikfisch bis nach Hause, bis nach Rom. Ob sie auch Augen für die Strände hatten? Man weiß es nicht. Aber anzunehmen ist es. Denn blind für die Reize dieser Region, in deren Hinterland sich Korkeichenwälder mit Weinfeldern abwechseln, werden sie kaum gewesen sein.

An diesem Morgen ist noch nichts los an der Praia da Comporta: zwei Autos auf dem Parkplatz vor der Beach Bar, die Tür gerade erst aufgeschlossen, Kaffeemaschine und Boxen eben erst angeschaltet. Aber Gilberto Gil singt bereits von der großen Liebe, von Sonne, Sommer und Sand – weil Kellnerin Marta es so will und die passende CD eingelegt hat.

foto: helge sobik
Wo die Dünenstrände in die Klippenküste übergehen: Praia da Ilha südlich von Sines

Unten am Strand läuft derweil ein Pärchen in die Wellen und hält dabei Händchen. 50 Schritte weiter steht ein Strandangler, und im Sand liegen Muschelschalen, die der Zufall zu kleinen Kunstwerken arrangiert hat. Wann hier denn mal richtig Andrang herrscht? "Nachher", sagt Marta, "später am Vormittag. Dann werden ein paar Dutzend Leute hier sein." Und jeder wird mindestens 30 Meter Strand ganz für sich alleine haben. Es ist viel Platz an dieser Küste, unmittelbar vor den Hotels von Tróia ist das anders – falls zufällig gerade August sein sollte.

In den Alentejo reisen Individualtouristen – Leute, die mit dem Leihwagen oder dem Wohnmobil herumtouren. Oder Leute, die geführte Wander- oder Fahrradreisen gebucht haben und in kleinen Hotels, in Pensionen oder Ferienhäuschen absteigen. Immer sind sie nah dran am Alltag, am Lebensgefühl, an Menschen wie Maria Gato aus Carrasqueira, die sich über das Interesse der Fremden freuen und beim Meia de Leite, dem portugiesischen Milchkaffee, oder einem Glas leichten Weißweins aus dem Hinterland ins Plaudern geraten.

An die Kante setzen

Manchmal braucht es dafür keinen Wein, keinen Kaffee, nicht mal Mobiliar_– nur einen Felsen wie den, auf dem Antonio Silva aus Brunheiras fast jeden Tag hockt. Er freut sich über Fremde, die den alten Fischerpfad "Trilho dos Pescadores" entlang der Steilküste nördlich von Vila Nova de Milfontes wandern und sich einfach zu ihm an die Kante setzen. Weshalb dies sein Lieblingsplatz ist? Der Alte mit der Baskenmütze grinst: "Weil es nicht weit bis nach Hause ist. Weil die Sargos, die Barsche, hier gut beißen. Und weil ich es liebe, auf die Wellen in diese Weite zu schauen und dabei dem Wind zuzuhören, dem Gurgeln der Flut auf dem Grund der Bucht."

foto: helge sobik
Dünen, Steilküsten, Badebuchten: die Küste mit dem Fischerpfad Trilho dos Pescadores bei Vila Nova de Milfontes

Jetzt zieht er plötzlich an der Angel, und alle meditative Ruhe ist für einen Moment wie weggeblasen: weil Antonio Silva recht gehabt hat. Die Sargos beißen wirklich gut. Wieder hat er einen an Land und dann gleich weiter in den bereitgestellten Eimer befördert. Am Nachmittag wird er die Ausbeute an eines der Fischrestaurants verkaufen. "Frischer noch als von den Booten!", sagt er. Die Gäste, die seinen Fang abends mit Kräutern und Zwiebeln gegrillt bekommen, werden ihre Freude haben.

Wandern auf dem Fischerpfad

Gut 80 Kilometer lang ist der Fischerpfad zwischen Porto Covo und Odeceixe. Seit 2012 ist er ausgeschildert und firmiert als Teil der "Rota Vicentina", eines Wanderwegnetzes durch diesen Teil des Alentejo. Was Dona Idália aus Vila Nova de Milfontes davon hält? "Viel!", sagt sie und nimmt eilig zwei kleine Schokokuchen aus dem Backofen. Gemeinsam mit ihrem Mann Antonio José betreibt sie eine Pension mit sechs Zimmern in einer schmalen Gasse mitten in der Altstadt. "

Seit der Pfad ausgebessert und bekannter geworden ist, kommen mehr Gäste – Wanderurlauber von weit her, sogar aus Skandinavien." Und jedem backt sie zur Begrüßung Kuchen – und serviert ein Gläschen Portwein dazu. Was sie tut, wenn die tiefstehende Sonne den kleinen Leuchtturm von Vila Nova von Weiß in Orange umfärbt? Sie backt schnell noch ein Brot. Und noch mehr Kuchen. Für morgen. Weil ihre Wanderer weiter die Küste ent langziehen wollen – und Proviant brauchen. (Helge Sobik, Rondo, 10.7.2015)

Infos & Service

karte: der standard

Infos: Flug mit TAP Portugal (www.flytap.com) von Wien nach Lissabon realistisch ab rd. 85€ pro Strecke. Leihwagen z.B. bei Sunnycars (www.sunnycars.de) ab rd. 165€/Woche.

Übernachtung: z.B. in der Pension "Casa do Adro" (www.casadoadro.com.pt; Tel. 00351/283/997102) in Vila Nova de Milfontes ab 65€, im kleinen Landhotel "A Serenada Enoturismo" (www.serenada.pt; Tel. 00351/269/498014) im Hinterland von Comporta ab 75€, in der "Pousada Castelo Alcácer do Sal" (www.pousadas.pt) ab 124€ jeweils pro Doppelzimmer/Nacht.

Weitere Infos: Turismo do Portugal, www.visitportugal.com bzw. speziell über die Region www.visitalentejo.com.

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