Auf zu den Gipfeln der Barrierefreiheit

8. Juli 2015, 10:02
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Knapp jeder zehnte Europäer lebt mit einer Mobilitätseinschränkung. Inzwischen hat der Tourismus diese Zielgruppe entdeckt

Salzburg – "Bitte sprechen wir nicht von Behindertentourismus, bitte sprechen wir von barrierefreiem Tourismus." Johann Kreiter bleibt freundlich. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist der Stuttgarter in der deutschen Fördergemeinschaft der Querschnittsgelähmten aktiv. Da bringen ihn sprachliche Pannen wie das Wort "Behindertentourismus" schon lange nicht mehr aus der Fassung. Der Schwabe ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft "Urlaub" in der Fördergemeinschaft. Hauptberuflich Uhrmacher, arbeitet Rollstuhlfahrer Kreiter auch als Reisejournalist und wurde zum europaweit gefragten Experten in Sachen barrierefreies Reisen. Kaum eine internationale Tagung zum Thema, bei der Kreiter nicht dabei ist.

Zimmer mit Stufe

Wer eine von Kreiters Reisereportagen liest, versteht rasch, worum es bei barrierefreiem Urlaub geht – und wie dumm das Wort "Behindertentourismus" in Wahrheit ist. Sein letzter großer Trip führte Kreiter nach Thailand. Voller Begeisterung schildert er seine Erlebnisse und den schweren Abschied: "Meine Seele hat sich wohl an einer Palme festgeklammert."

Das Thema Rollstuhl kommt als selbstverständlicher Serviceteil im Text einfach mit vor, etwa wenn es darum geht, dass ein Hotel empfehlenswert sei, auch wenn "der Zugang zum Zimmer eine Stufe" hatte.

Wandern mit dem Rollstuhl

In Summe, bilanziert Kreiter die vergangenen 25 Jahre, hat sich in Sachen Barrierefreiheit beim Reisen viel zum Positiven verändert. Erwartungsgemäß führen die skandinavischen Länder das Ranking der Empfehlungen an, aber auch Italien, Frankreich, Spanien und Österreich erhalten von der Arge Urlaub gute Noten.

Dass die Rollstuhlfahrer als Gäste bessere Möglichkeiten als früher vorfinden, mag auch mit den entsprechenden EU-Vorschriften zu tun haben, dass sie auch willkommen sind, hat viel mit wirtschaftlichen Überlegungen zu tun: Immerhin sind im Durchschnitt bis zu zehn Prozent der Bevölkerung der europäischen Länder in ihrer Mobilität eingeschränkt.

Role-Models wie der blinde Kletterer Andy Holzer aus Osttirol oder der Neuseeländer Mark Inglis, der als beidseitig Beinamputierter den Everest-Gipfel erreicht hatte, tragen zur höheren Akzeptanz in der Mehrheitsbevölkerung zusätzlich bei, auch wenn ihr Leben mit dem Alltag behinderter Menschen wenig zu tun hat.

Kreiter schätzt, dass die Sparte barrierefreier Tourismus bis zu drei Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht. In manchen Ländern und Gegenden freilich mehr.

Rollende Wanderschuhe

Ein Positivbeispiel ist Südtirol, wo Kreiter beim Gipfeltreffen der internationalen Bergsteigercommunity, dem International Mountain Summit in Brixen, selbstredend auch vertreten war. Die Südtiroler Sozialgenossenschaft independent L. hat mit Unterstützung der Landesregierung sogar einen eigenen Wanderführer für Rollstuhlfahrer herausgebracht.

Was übrigens nicht nur für Rollstuhlfahrer eine große Hilfe ist: Wer beispielsweise auf dem drei Kilometer langen Naturerlebnisweg im hinteren Villnößtal unterwegs ist, wird gleich viel Familien mit Kleinkindern und Kinderwagen treffen wie Rollstuhlfahrer.

Kreiter und seine Arge Urlaub haben für viele solcher Projekte die technische Pionierarbeit geleistet. Penibel listen sie in ihren Empfehlungen die höchstzulässige Steigung und erwünschte Breiten für rollstuhlgerechte Wanderwege auf. Dazu kommen Tipps wie etwa die Anordnung der Sitzgelegenheiten auf Rastplätzen, damit diese von Rollstuhlfahrern und ihren gehfähigen Begleitern gemeinsam genutzt werden können.

Zugmaschine für den Rolli

Wobei es bei den Wegen durchaus auch ein klein wenig extremer zugehen kann. In Bayern, in Nordrhein-Westfalen, aber auch in der Steiermark gibt es inzwischen sogar befahrbare Hochseilgärten. Technische Hilfen ermöglichen freilich auch Wanderungen abseits extra angelegter Wegstrecken. Die Schweizer Firma Swisstrac hat sich auf Rollstuhl-Zuggeräte spezialisiert.

Die mit einem Elektromotor ausgestatteten kleinen Kraftpakete werden vor den Rollstuhl gespannt, und so kann der Rollstuhlfahrer auch in etwas schwieriges Gelände vordringen. Die Steigleistung reicht für immerhin 20 Prozent. Die Reichweite beträgt rund 30 Kilometer. Ein ankuppelbarer Trailer ermöglicht Begleitpersonen notfalls sogar das Mitfahren.

Auch bei der Unterbringung haben Kreiter und sein Team jede Menge Erfahrung. Oft steckt da das Teufelchen im Detail oder in der mangelnden Schulung des Personals. Ein Beispiel von vielen: Eine behindertengerechte Dusche sei zwar super, aber wenn die Handtücher für einen Rollstuhlfahrer in unerreichbarer Höhe hängen, müsse man erst recht wieder die Rezeption anrufen.

Service- und Bergketten

In Summe, sagt Kreiter, müsse die Servicekette funktionieren. Damit sich ein in seiner Mobilität eingeschränkter Urlaubsgast für eine Destination entscheide, müssten alle Stationen von der Information über die An- und Abreise bis hin zum Angebot an Restaurants, Sport und Kultur barrierefrei sein. Ein rollstuhltaugliches Hotel allein reiche nicht. Hier sieht auch Cornelia Scheuer vom Wiener Behindertenberatungszentrum Bizeps eines der größten Defizite: "Oft ist schon die Anreise ein Problem. Nicht alle Bahnhöfe sind barrierefrei, man kann nicht immer barrierefrei umsteigen, und man muss sich anmelden. Auch Regionalbusse sind nicht alle barrierefrei."

Im Kern geht es immer um ganze Regionen. Der Tiroler Ort Kaunertal etwa hat sich zu einem international prämierten Zentrum für barrierefreien Wintersport entwickelt. Ein anderes Leuchtturmprojekt sind die Lungauer Langlauftage "No Handicap", die zur größten europäischen Langlaufveranstaltung für Menschen mit Beeinträchtigung geworden sind und inzwischen auch ihre Fortsetzung in Sommersporttagen gefunden haben. (Thomas Neuhold, 8.7.2015)

  • Ein Wegweiser in Zans im Südtiroler Villnößtal zeigt Rollstuhlfahrern, aber auch Personen in Begleitung von Kleinkindern oder mit Kinderwagen die Richtung für ein barrierefreies Naturerlebnis.
    foto: thomas neuhold

    Ein Wegweiser in Zans im Südtiroler Villnößtal zeigt Rollstuhlfahrern, aber auch Personen in Begleitung von Kleinkindern oder mit Kinderwagen die Richtung für ein barrierefreies Naturerlebnis.

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