Zu früh zu einer Einladung kommen

Kolumne10. Juli 2015, 12:21
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Pünktlichkeit ist aufgegebene Individualität

foto: apa/epa/ dave hunt

Pro
von Michael Simoner

Aus der jahrzehntelangen Erfahrung eines notorischen Zuspätkommers lassen sich leider keine ernsthaften Vorteile berichten.

Am Workshopbuffet warten nur mehr Käsehäppchen, deren Ränder sich schon aufrollen; bei der Weihnachtsfeier ist das Bier längst aus (obwohl es eigentlich noch gar nicht so spät war); der Kaffee beim Brunch soll irgendwann heiß gewesen sein; von der Geburtstagstorte ist nur mehr das Anstandsstückchen übrig; das entscheidende Tor beim Fußballschauen im Pub ist schon gefallen.

Wie mag das wohl sein, beim Buffet vor allen anderen die Lachsbrötchen abzuräumen? Oder schon lange vor dem Anpfiff fröhlich auf das gegnerische Team zu schimpfen?

Pünktlich geht jedenfalls gar nicht. Pünktlichkeit ist aufgegebene Individualität. Nur Schweizer-Uhrwerk-Vertreter dürfen sich die Peinlichkeit der Punktgenauigkeit erlauben – und das auch nur beruflich.

Bleibt also als letzter Ausweg, den frühen Vogel zu spielen. Wer früher kommt, hat nämlich noch was vom Bier, das später zu früh ausgehen wird.

Kontra
von Margarete Affenzeller

Es gibt einen US-amerikanischen Ort namens Respect. Schön und gut. Den meine ich aber nicht. Hier ist die Rede von jenem Respekt, der zu den ganz gewöhnlichen Benimmregeln zählt.

Man grüßt und sagt Danke, man ist anderen gegenüber hilfsbereit und – so gut es die Laune zulässt – auch höflich. Es gibt aber Leute, die kommen, weil es sich für sie gerade so ausgegangen ist, eine Dreiviertelstunde vor der anberaumten Einladungsuhrzeit. Ja, Herrschaftszeiten, wie stellen die sich das vor?!

Vermutlich gehen die davon aus, dass die Haushaltshilfe die Pelmeni eh schon am Vortag gefüllt hat und der Salat sich von selbst wäscht und dass ich in der letzten Dreiviertelstunde nur mehr besonnen den farbigen Linien auf den schön gefalteten Servietten entlangzuschauen brauche. Was sonst? Oder wahrscheinlicher: Sie denken sich gar nichts.

Selbst ein "Viertelstündchen" zu früh anzuklopfen ist eine Provokation. Es setzt die Köche unter Druck. Und was kann es Unangenehmeres geben als gestresste Gastgeber. Gehen Sie bitte in Ruhe auf dem Gehsteig auf und ab, danke! (Rondo, 10.7.2015)

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